Scheinheilig – Vertraulich – Geheim?

Wenn man in dem Entscheidungspapier der EU-Kommission liest, mit dem der Bieter capricorn Nürburgring GmbH zum alsbaldigen Gebrauch freigeschaltet wurde, dann stößt man immer wieder auf die Wortfolge „offen – transparent – diskriminierungsfrei“. Wer dem EU-Wettbewerbskommissar in seiner Sitzung am 1. Oktober via „Facebook“ zugehört hat der weiß, dass Joaquin Almunia kein Deutsch spricht. Er ist Spanier und beherrscht neben seiner Muttersprache das Französisch und Englisch gut. Auf Italienisch und Portugiesisch kann er sich verständigen. Aber „nix sprechen Deutsch“. Darum hat er sich wohl in einer seiner letzten Amtshandlungen nach einem Jahrzehnt seiner Tätigkeit in Brüssel auch nicht mit Details zum Bieterverfahren um den Nürburgring beschäftigt, sondern den Angaben derer vertraut, denen schon vorher in Sachen Nürburgring-Verkauf von anderen Leuten vertraut worden war. - Kaum jemand, der die deutsche Sprache beherrscht und die Nürburgring-Szene kennt, würde hier offen mit offen, transparent mit transparent und diskriminierungsfrei mit diskriminierungsfrei übersetzen. In Unkenntnis der deutschen Sprache hat das Joaquin Almunia wohl getan, tun lassen. - Hätte man nicht besser andere Vokabeln in der deutschen Fassung des Beschlusses (?) zur Nürburgring-Beihilfe und –Verkauf bei der EU verwenden sollen, die der Realität ein wenig näher gekommen wären? - Wie wäre es mit...

Scheinheilig – Vertraulich – Geheim?

Motor-KRITIK möchte mit der folgenden Darstellung von logischen Abläufen zum Mitdenken anregen, da den Bürgern des Landes Vieles im Fall des Nürburgring-Verkaufs vorenthalten, nicht erklärt, sogar – mit Argumenten jedweder Art – wichtige Details verschwiegen wurden.

Nun fiel am 1. Oktober bei der EU-Kommission in Brüssel eine Entscheidung nicht nur in Sachen „verbotene Beihilfe“, sondern auch in Sachen Nürburgring-Verkauf.

Aber eigentlich ist das was wir bisher kennen, nur ein Scheinbeschluss. Mehr kann ein Urteil ohne Unterschrift nicht sein. Um Rechtsgültigkeit zu erhalten, müsste es auch den in der Sache betroffenen Parteien zugestellt werden. Mit der Unterschrift des Entscheiders, Joaquin Almunia.

Was die Medien bisher verkünden, ist noch kein rechtsgültiger Beschluss. Man müsste nach Eingang bei den Parteien auch noch eine entsprechende Einspruchsfrist berücksichtigen. - Meine ich. - Bevor dann der am 1. Oktober 2014 in Brüssel verkündete Beschluss auf der Basis des veröffentlichten Entwurfs Rechtsgültigkeit erhält.

Das kann noch viele Wochen dauern. So lange ist nichts entschieden und wir können uns Gedanken über andere Details machen, die bisher auch übersehen wurden, bzw. bei der Diskussion über den nun eigentlich (bald, s.o.) gültigen Kaufvertrag bisher keine Rolle spielten.

So müsste doch eigentlich zur Absicherung des Kaufpreises ein belastbares Finanzierungskonzept bei Abschluss des Kaufvertrages vorgelegen haben. Aber dann müsste auch mal im Fall des Nürburgring-Verkaufs nachgefragt werden, wie hoch denn eigentlich der Kaufpreis ist, der für das Gesamtobjekt gezahlt werden muss.

Alle Welt spricht und schreibt von 77 Millionen Euro. Das ist zufällig (?) ein Kaufpreis, der dem Wert entspricht, der in einem Gutachten als „marktgerecht“ genannt (errechnet?) wurde. Aus diesem Grund wird dann auch dieser Preis von der EU-Wettbewerbskommission als „marktgerecht“ empfunden.

Tatsächlich wird diese Zahl dann schon im eigentlichen Kaufvertrag um 6 Millionen gemindert, da man den Vertrag auf den 1. Januar 2014 rückdatiert hat und dem „Käufer“ zugesteht, dass er schon – ohne das Kaufobjekt zu besitzen (und bezahlt zu haben!) - den Jahresgewinn der heutigen Betreibergesellschaft am Nürburgring von 2014 zu seinen Gunsten angerechnet bekommt.

Nun konnte den Gewinn am Tag der Unterschriftsleistung, 11. März 2014, niemand mit Sicherheit benennen. Also hat man einen fiktiven Gewinn als festen Betrag eingesetzt, um den der eigentlich im Vertrag ausgewiesene Kaufpreis von 77 Millionen dann schon mal um 6 Millionen Euro gesenkt werden konnte.

Nun müsste doch eigentlich für den „reduzierten“ Kaufpreis ein Finanzierungsnachweis von 71 Millionen Euro bestehen. Tatsächlich wurde aber am Tag des Abschlusses vom Käufer nur ein Finanzierungsnachweis von 60 Millionen Euro beigebracht, den aber noch nicht einmal die Mitglieder des Gläubigerausschusses gesehen haben und den auch aktuell die „Wirtschaftswoche“ bezweifelt.

Dass es einen belastbaren Finanzierungsnachweis gibt, wurde nach Recherchen von Motor-KRITIK nur von den Insolvenz-Sachwaltern und anderen in dieses System eingebauten Fachkräften (z.B. von der KPMG) genannt. Aber auch von dieser Seite wurden nur Summen von 15 Millionen aus angeblich vorhandenen Eigenmitteln des Käufers bis zum 31.12.2014 bestätigt und eine dann zugesagte Finanzierung der Deutsche Bank über 45 Millionen, die Anfang Januar 2015 fällig sein soll. Diese Finanzierung – und das ist im Kaufvertrag festgehalten – kann mit Zustimmung des Verkäufers zur Absicherung des Kreditgebers als Belastung auf die Werte des Nürburgrings im Grundbuch eingetragen werden.

Man kann rechnen wie man will: Es bleibt eine Finanzierungslücke von 11 Millionen Euro. - Und niemand hat sich darüber Gedanken gemacht, obwohl doch bei jedem Kauf – ob Auto, Grundstück, Haus oder Nürburgring – für das jeweilige Kaufobjekt, entsprechend dem vereinbarten Kaufpreis, eine Finanzierungsabsicherung vorhanden sein muss.

Erstaunlich für Motor-KRITIK war in den letzten Wochen, dass man gerüchteweise immer wieder – und immer wieder – hörte, dass die Düsseldorfer Mittelständler Wild und Heinemann niemals den offiziell im Kaufvertrag plakativ in Höhe eines Wertgutachtens eingesetzten Preis von 77 Millionen zahlen würden. Auch nicht 71 Millionen Euro. - Sondern weitaus weniger.

Trotz intensiver Recherchen konnte Motor-KRITIK niemals auf das Papier stoßen, das angeblich einen Anhang zum Kaufvertrag bilden und eine Tabelle enthalten soll, in dem Minderungsfaktoren aufgeführt sind, nach denen etwaige Mängel an der „Kaufsache Nürburgring“ dessen Wert mindern.

Es ist keine Frage, dass es derartige Mängel in größerer Anzahl gibt. Diese Mängel waren erstaunlicher Weise im KPMG-Kaufprospekt nicht genannt, obwohl Baumängel an einer Immobilie – wie jeder weiß – beim Verkauf einem Kaufinteressenten nicht verschwiegen werden dürfen.

Wie Motor-KRITIK aus Bieterkreisen erfuhr, waren aber solche Mängel im so genannten „virtuellen Datenraum“ (jedenfalls in der „Premium-Version“) enthalten. Hier waren wohl Gutachten eingestellt, mit denen der Verkäufer auch eine Reihe von Baufirmen verklagen wollte. Motor-KRITIK ist nicht bekannt, ob das immer funktioniert hat – oder noch funktionieren wird.

Die capricorn NÜRBURGRING GmbH als Käufer des Nürburgrings sollte also Kenntnis von diesen Gutachten haben und damit auch Kenntnis von den immer noch vorhandenen Bauschäden. Die Auswirkungen auf den definitiven Kaufpreis sollen sich darum aus der o.g. Tabelle im Anhang des Kaufvertrages ergeben, die aber – soweit Motor-KRITIK recherchieren konnte – noch niemand gesehen hat, deren Vorhandensein sich aber logisch aus der obigen Darstellung erklärt.

Scheinheilige haben uns danach wohl einen Kaufvertrag mit einer Schein-Kaufsumme präsentiert, den tatsächlichen Vertrag aber vor aller Augen verborgen, da er als „vertraulich“ behandelt wird, da – wie man häufig gerne argumentiert – bei einer anderen Einstufung „die Rechte Dritter“ verletzt sein würden. Und der Anhang – dazu gehört auch der Pachtvertrag – wurde sogar als so „geheim“ eingestuft, dass die derzeitigen offiziellen Geschäftsführer der Nürburgring Betreiber GmbH davon nur aus „dritter Hand“ und nicht von den Insolvenz-Sachwaltern oder den Eignern der Firma capricorn NÜRBURGRING GmbH erfuhren.

Offen, transparent und diskriminierungsfrei? - Worte, die man im Prospekt der KPMG, im Sprachschatz der Insolvenz-Sachwalter und der EU-Kommission findet. Aber dort wird auch nicht Deutsch gesprochen.

Also bleibt Motor-KRITIK mal bei „scheinheilig, vertraulich, geheim“, wenn es um den politisch so brisanten Verkauf des Nürburgrings aus „öffentlicher Hand“ an „Privat“ geht.

Da nimmt man es dann mit Worten und Zahlen nicht so genau. Mit Geld erst recht nicht. Es ist nicht eigenes, persönliches Geld. - Geld spielt in der Politik eine geringere Rolle.

Es geht um Macht und Machterhalt. Um Politik eben. Da kann man auf ein paar Millionen keine Rücksicht nehmen. Und so sind dann „mittelständische Unternehmer“ auch die richtigen, passenden Partner für „Provinz-Politiker“.

Sie sind eben besser an deren Leine zu führen. - Wenn es denn sein muss, mit Zuschüssen für Förderprogramme. - Das kriegen wir schon hin!

„Wir machen's einfach!“*

MK/Wilhelm Hahne

*Das Motto unseres Ex-Landesfürsten Kurt Beck**, nach dem in Mainz heute immer noch gerne gehandelt wird.

**Heute Berater bei Boehringer*** Ingelheim, wo gerade eine Entlassungswelle anrollt, die aber sicherlich nicht Kurt Beck wegspülen wird. -

***Boheringer, Ingelheim ist übrigens ein Mandant des Wirtschaftsberaters Dr. Axel Heinemann, Besitzer-Darsteller bei „Getspeed“ und Eindrittel-Teilhaber der capricorn NÜRBURGRING GmbH.

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2 Kommentare

Scheinheilig, Vertraulich, Geheim

Mit der Bitte um Ergänzung:

Sehr geehrter Herr Hahne, es ist schon ein Kreuz mit unserer Muttersprache, das in Brüssel nicht alles so verstanden wird, wie es wohl gemeint ist. Wie soll man auch von unserer Landesregierung erklären, was mit den geheimen Absprachen gemeint sein könnte. Andererseits kann der rheinland-pfälzische steuerzahlende Bürger doch froh sein das die Landesregierung einen finanziellen Schaden in Höhe von 60 oder 77 Millionen Euro von ihm abgewendet hat.Von der noch ausstehenden Summe von wahrscheinlich ca. 500 Millionen Euro gibt es doch bei der nächsten Landtagswahl eine exakte Quittung über die offenen Forderungen der Bürger an die jetzige Landesregierung. So gesehen fehlt in Ihrer Überschrift noch das Wort Gemein, des es ist eine Gemeinheit dem Bürger gegenüber so leichtfertig mit den Geldern eben derselben Schindluder zu treiben. Leider hat man nicht den Mut in Mainz für die gemachten Fehler öffentlich einzustehen. Es wäre an der Zeit das die Landesregierung die vorherigen Betreiber und die politisch Verantwortlichen um eine Spende für die Steuerkasse bittet, damit noch mehr Schaden von uns Rheinland-Pfälzern abgewendet wird. Leider weiß ich nicht genau was in Ingelheim pharmazeutisch alles produziert wird. Es scheint mir das dort  auch schon seit Jahren Pillen für Verantwortungslosigkeit und Dummheit im öffentlichen Dienst ausgegeben werden. Es soll auch "Premium Kabinettspackungen" geben, welche von Politikern jeglicher Coleur gerne genommen werden. Dies sieht man auch an dem sehr verhaltenen Taktieren der Oppositionspartei. Es ist wohl kalkuliert den Machtwechsel in Mainz auf dem Rücken der Motorsportfreunde und der Steuerzahler auszutragen. Oder man versucht seine eigenen politischen Problemzonen zu kaschieren.

Finanzierungslücke

Von 102 Mio auf 60 Mio. Und fast niemand bemerkt das.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Deutsche Bank dieses "asset" mit Handkuss für 45 Mio (möglicherweise sogar 60 Mio) finanzieren wird. Gemäß des Verkaufsprospekts ist die Strecke ja eine gute halbe Mia. wert.

Dass die Rechnung nicht aufgeht, den Nürburgring kreditfinanziert zu betreiben ist eigentlich auch jedem klar. Man müsste der entscheidenden Person bei der Deutschen Bank für diesen Deal gratulieren.

Fazit: Wir werden noch weitere Eigentümer und "Besitzer" des Nürburgrings erleben.

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