EA 189: Gebaut nach dem Reinheitsgebot?

Bisher kannte ich diesen Satz – allerdings mit einem „r“ an der richtigen Stelle – nur bei Bier. Und selbst da stimmt er eigentlich nicht mehr. Denn das Reinheitsgebot von 1516 gibt es lange nicht mehr. Ich erinnere mich, vor rd. 20 Jahren auf der Bühne in einem Mendiger Brauhaus u.a. zusammen mit zwei Braumeistern auf der Bühne gesessen zu haben. Wir waren – Werner Höfer moderierte – uns am Ende darüber einig, dass Biertrinken a) Geschmacksache ist, b) dabei das Reinheitsgebot keine Rolle spielt und c) es für das Geschmackserlebnis wesentlicher ist, dass das Bier frisch in das Glas oder den Krug des Genießers kommt. - Das Reinheitsgebot ist heute nur noch für die Marketingabteilungen und die Werbung wichtig. Seit 1993 ist sogar die „Schönung“ des Biers mit E 1202 erlaubt, einem Kunststoff mit dem unaussprechlichen Namen Polyvinylpolypyrrolidon, auch als EVPP bezeichnet. Für einige meiner Leser wird das genauso schockierend sein wie die Enthüllung, dass VW mit einer bei Messungen unerkannt gebliebenen Software 11 Millionen VW-Kunden beim Verkauf von bestimmten Dieselfahrzeugen der VW Group – wie man heute sagt – betrogen hat. - Wie man heute sagen muss. - Denn die EU-Gesetze sind eindeutig. Und der VW-Versuch auch. - Entdeckt wurde dieser Betrug in Amerika. Dort sind aber wohl „nur“ 3 Millionen VW-Käufer betroffen, in der EU immerhin 8 Millionen. Von VW hört man bisher wenig, wie man die vielfältigen Schäden ausgleichen will, die eine „kriminelle Vereinigung“ den VW-Kunden und einem weiteren Umfeld zugefügt hat. - Man schaltet aber teure ganzseitige Zeitungsanzeigen, buhlt um Vertrauen und beeindruckt die Verlage als wichtiger Anzeigenkunde: "Wir werden alles tun, um Ihr Vertrauen zurückzugewinnen". - Worte! - Glaubhafter wären Anzeigen mit dem Text gewesen:

EA 189: Gebaut nach dem Reinheitsgebot!

Allein diese zwei aktuellen Beispiele, die eigentlich thematisch weit auseinanderliegen, zeigen, dass in unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt. Leute, die sich nicht am „Mainstream“, sondern sich konsequent an „alten“ Werten orientieren, die heute nicht mehr zu gelten scheinen, die werden als „naiv“ und „von gestern“ empfunden. Von Mitgliedern unserer modernen Gesellschaft, die darauf achten, schnell sehr viel Geld zu verdienen, auf der Karriereleiter schnell nach oben zu kommen, „Macht“-Positionen einnehmen zu können.

Wir leben in einer Scheinwelt, die durch das Verhalten dieser Leute in den letzten Jahren zu einer Blase geworden ist, deren erste „Bläs'chen“ jetzt platzen. Denn es wäre wirklich naiv anzunehmen, dass in unserer modernen Industriegesellschaft nicht auch an anderer Stelle, auf vielerlei Art, nicht nur gegen bestehende Gesetze, sondern auch gegen ein natürliches menschliches Empfinden verstoßen wird. Zum Teil auf „unmenschliche Art und Weise“.

Auf allen Gebieten. Auch auf dem der Politik. Oder im Sport. Dabei muss man nicht nur an den Fußball denken. Bleiben wir ruhig einmal beim Motorsport, der inzwischen so krankhaft überreglementiert ist, dass sich die, die gegen dort geschaffene unsinnige Regeln verstoßen, dann wie Helden vorkommen.

Da hat gerade Marc van der Straten, ein nicht armer belgischer Bierbrauer – der nicht nach dem Reinheitsgebot braut – seinen Rückzug aus dem Automobilsport verkündet. Clevere „moderne Menschen“ haben ihn in seinem Team (MarcVDS Racing Team) enttäuscht:

„Mitarbeiter haben sowohl mein Vertrauen und den familiären Geist unseres Teams verraten. Ich bin 67 Jahre alt und habe nicht mehr die Zeit Respektlosigkeiten zu akzeptieren“

Ein alter Mann mit einer entsprechenden Einstellung und Haltung zieht seine Konsequenzen. Der Automobilsport war niemals „unehrlicher“ als heute. Gerade wegen der übergroßen Bedeutung, die die Elektronik bekommen hat. Und die Aerodynamik. Und die „BoP“ (Balance of Performance) erhöht mit den heutigen elektronischen Möglichkeiten noch mal den Reiz, die Konkurrenten zu übertölpen. So sind auch die „Chefs“ solcher Teams oftmals von solcher „Clevernes“, die dann auch die Grenzen des Sports überschreitet. - Es ist etwas Wahres dran, wenn Marc van der Straten aktuell feststellt:

„Das Auto ist tot, es lebe das Motorrad!“

Er bezieht das auf den Sport. Und so, wie Marc van der Straten das sieht, hat er offensichtlich recht. Beim Motorradsport steht der Fahrer noch im Mittelpunkt. Wenn man einmal einen Blick auf die einzelnen Serien und ihren sportlichen – nicht Marketing- - Wert wirft, dann ist sicherlich die „Moto GP“ - aber sind auch die anderen Klassen - konkurrenzlos. - Trotz des auch dort inzwischen übergroßem Einfluss der Elektronik.

Am letzten Samstag fuhr der neue Mercedes GT in der für den Motorsport geschaffenen GT3-Version, auf der mit Geschwindigkeitsbegrenzungen bedachten Nǘrburgring-Nordschleife mit 8:01 min im Zeittraining die schnellste Zeit in dieser Saison. Natürlich wird sich die Technische Kommission damit beschäftigen, die versucht alle GT3 gleich zu machen, weil wir in einer Zeit der Gleichmacherei leben. Wer „aus dem Rahmen fällt“, wird gemobbt. Nicht Leistung ist gefragt, sondern angepasstes Verhalten.

Modern umschreibt man das mit „teamfähig“. Um „teamfähig“ im Umfeld der Konkurrenten zu sein (denken Sie mal über diesen Widerspruch nach!) wird man natürlich auch hier die „BoP“ bemühen müssen. Und man wird erstaunt sein, mit wie wenig Leistung man heute auf einer Rennstrecke mit Geschwindigkeitsbeschränkungen (aus Sicherheitsgründen!) richtig schnell sein kann.

Zu „Sicherheitsgründen“ fällt mir ein: Auf der Nürburgring-Nordschleife wird auch konsequent „Code 60“ eingesetzt. Eine gute Sache, wenn – ja wenn – man denn diese theoretisch gute Lösung in der Praxis richtig umsetzen könnte.

Da wurde dann am Samstag, beim 8. VLN-Lauf ein Audi R8 Gesamtsieger. Weil der o.g. genannte Mercedes zu schnell war. - ??? - In einer „Code 60“-Zone. Er erhielt ein 80 sec Zeitstrafe. Ich habe mit einem Zuschauer gesprochen, der dort stand, wo es – wahrscheinlich – passierte. Dort hat dieser Mercedes „unter Doppel-Gelb geschwenkt“ noch zwei andere Wettbewerber überholt. Weil er „ums Eck“ (am „Wippermann“) nicht mit „einfach Gelb“ vorgewarnt worden war? - Die Streckenposten haben dort keine Sichtverbindung. - Und der Mercedes hatte keine Möglichkeit mehr zu bremsen.

Erst nachdem diese Situation entstanden war (übrigens ursprünglich durch eine abgefallene Stoßstange eines Wettbewerbsfahrzeugs beim Überfahren des Curbs in der Rechts-Bergab), wurde offensichtlich dann vor „Doppel-Gelb“ mit „Einfach-Gelb“ vorgewarnt, denn danach kamen alle Rennfahrzeuge „ruhiger“ (langsamer) um den Links-Knick.

Auch in diese Thematik von „überraschend intelligenten dummen Maßnahmen“ moderner Manager passt, dass sich der 2. Geschäftsführer der „capricorn NÜRBURGRING GmbH“, auf sein Wettbewerbsfahrzeug, einen Porsche in der „CUP 2-Klasse“ startend, einen Schriftzug oberhalb des Auspuffs angebracht hatte, der von den Zuschauern als „Motor-KRITIK“ gelesen werden konnte.

Um Motor-KRITIK unglaubhaft zu machen? - Es war sicherlich ein PR-Erfolg. – Für Motor-KRITIK.

Mit diesem „Motor-KRITIK“-Porsche konnte er dann erstmals in dieser Saison (seit dem das Team in dieser Besetzung startet) Marc Hennerici/Christian Menzel auf dem gleichen Porsche-Modell schlagen. Allerdings mit Glück, weil das Konkurrenzteam Reifen-Pech hatte. - Aber vielleicht hat Motor-KRITIK auf dem Heck des Porsche auch „richtig Druck gemacht“.

Es war in den 50er Jahren, als ein Abnahme-Kommissar einen Porsche 356 beim „Dieburger Dreiecksrennen“ zurück schickte, weil er mit dem Fühlen seiner Hände am Auspuffende feststellen konnte, dass die Nockenwelle nicht serienmäßig war. (Ich war dabei!) Heute werden bei einer Abnahme nur die wesentlichen Einrichtungen zur Sicherheit und die ordnungsgemäß aufgebrachte Werbung der Sponsoren überprüft.

Und ich sehe mit einem lachenden (oder weinenden) Auge dann später, wie man ein Rennfahrzeug mit angeschlossenem Computer startet. Und da heute erfolgreiche Modelle oftmals Motoren besitzen, die nach dem „Downsize“-System aufgebaut sind (kleinere Hubräume, dann aber mit Aufladung), muss man da – lt. Reglement – auch die Motoren bei einem Boxenstop nicht abstellen, weil sonst evtl. die Turbolader überhitzen würden. - Soweit alles klar?

Mir ist auch klar, dass beim Ausschalten des Motors vielleicht das beim Start aufgespielte zweite Kennfeld verloren gehen könnte, das man zum erfolgreichen Rennen fahren braucht. - Das aber dann im Parc fermé dann leider (?) verloren ging. Nachdem der Motor dort dann erstmals abgestellt wurde. - Und niemand hat's gemerkt!

Die Sache mit dem „intelligenten Kennfeld“, wie jetzt beim EA 189-Dieselmotor von VW festgestellt, der wurde übrigens nach – nicht nur – meiner Beobachtung nach, z.B. auch bei Testfahrzeugen mit Ottomotor verwendet. Auf dem Rollenprüfstand hatte z.B. ein Modell (nicht VW!) exakt die serienmäßig angegebene Leistung, bei den Fahrleistungs-Messungen waren die Werte überdeutlich besser als die Prospektangaben. - Zufall? - Betrug!

Weil darüber schon geschrieben wurde, möchte ich bestätigen, dass es einfach ist, der Motorelektronik beizubringen, wann das Fahrzeug auf einem Rollenprüfstand steht. Über die ABS-Sensoren z.B., weil nur die Antriebsräder sich drehen, die anderen aber stehen. - Aber selbst bei Allradfahrzeugen funktioniert so etwas – oder auch bei Prüfständen, bei denen die anderen Räder angetrieben werden (die gibt es!) - weil man z.B. auch das GPS nutzen kann (das Fahrzeug bewegt sich auf dem Prüfstand nicht fort) oder auch den Lenkwinkelsensor (niemand dreht auf dem Prüfstand am Lenkrad). Dann haben alle modernen Automobile auch einen Beschleunigungssensor eingebaut. - Es gibt viele „Sicherheitsmaßnahmen“!

Es ist – war – also gar nicht so einfach, den Betrügern auf die Spur zu kommen. - Wie das Beispiel VW auch zeigt.

Und Ferdinand Piech hatte sicherlich keinen 7. Sinn, als er Monate vor der offiziellen Aufdeckung der kriminellen Machenschaften einer „modernen Elite-Gruppe“ (Entschuldigung! - Das muss natürlich -Group heißen) seine Meinung zu Martin Winterkorn dem SPIEGEL anvertraute:

„Ich bin auf Distanz zu Winterkorn."

Piech musste auch nicht ausgewechselt werden. - Er ging ungewohnt still und leise, trat zurück, gab seine Position frei. Und bei VW ist man dann aktuell noch nicht einmal in der Lage, diese Position aktuell glaubwürdig (!) neu zu besetzen.

Wie es überhaupt zu solchen kriminellen Machenschaften wie im Fall des EA 189 bei VW kommen konnte? - Dazu möchte ich „n-tv“ aus Februar 2011 zitieren:

„Volkswagen will seinen japanischen Rivalen Toyota früher als geplant von der Weltmarktspitze verdrängen. Der ursprünglich erst für 2018 in Aussicht gestellte Jahresabsatz von mehr als zehn Millionen Fahrzeugen sei "greifbarer als je zuvor", zitierte die Fachzeitschrift "Automotive News Europe" Konzernvertriebsvorstand Christian Klingler.

Dabei unterstellen die Wolfsburger, dass Toyota langsamer wächst als sie selber. Das Ziel von zehn Millionen hatte Konzernchef Martin Winterkorn ausgegeben, um Toyota bis 2018 entthronen. Analysten waren bereits davon ausgegangen, dass der Konzern dabei schneller vorankommt als erwartet. Da der Konzern davon offenbar selbst überzeugt ist, griffen Anleger zu. Die im Dax gelistete VW-Vorzugsaktie gewann deutlich an Wert.“

Da war dann offensichtlich bei der Umsetzung dieser Planung jedes Mittel recht. - Und Toyota bleibt nun nicht nur weiter Weltspitze, sondern hat auch recht mit der Feststellung:

„Nichts ist unmöglich!“

MK/Wilhelm Hahne
Durchschnitt: 4.7 (bei 47 Bewertungen)

Kategorie: 

+ Hinweis für Leser – nicht nur an einem Abonnement Interessierte! +

 

Lieber Leser,

 

Motor-KRITIK ist vollkommen werbefrei, aber – darum – auch ein wenig abhängig von seinen Lesern. - Oder anders: Von Einnahmen. - Nicht alle Leser mögen sich gleich für ein Abo entscheiden.

Wenn Sie ab und an mal auf diesen Seiten vorbei schauen und Ihnen der hier gebotene investigative Journalismus gefällt, dann machen sie doch einfach ihre Zustimmung durch eine kleine Spende deutlich. - Auch kleine Beträge können – per Saldo – eine große Hilfe und Unterstützung sein!

Meine Kontendaten – auch wenn Sie Abonnent werden wollen - finden Sie HIER.

 

Danke!