VW: „Ohne Alternative“ für „alte Naive“!

Ich habe es gestern Abend bei SPIEGEL-online gelesen: „VW-Chef Matthias Müller versprach erneut, eine 'schonungslose' Aufklärung. 'Dabei machen wir vor nichts und niemandem Halt. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber er ist für uns ohne Alternative.' Dies sei die Voraussetzung für die grundlegende Neuausrichtung des Konzerns.“ - Wäre ich nicht Motor-Journalist, wäre ich beeindruckt. So kann ich nur fragen: „Alles Müller oder watt?“ - Man geht bei VW davon aus, dass man auch in der jetzigen Situation noch der Öffentlichkeit „seine Version“ von der sich momentan ausufernden Abgas-Affäre verkaufen kann. Denn es gibt genug Multiplikatoren, die die VW-Veröffentlichungen unkommentiert unters Volk bringen. Nur so unters Volk bringen können, weil sie eigentlich von der Sache, über die sie ihre Leser informieren – und ins Bild setzen – sollten, wenig bis gar nichts verstehen. - Das ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung. - Sie können nicht objektiv berichten – oder den Versuch dazu machen – weil ihnen dazu die Basis fehlt. - Noch heute wird in der deutschen Presse z.B. über 2,4 Millionen VW-Diesel-Automobile berichtet, die vom (ersten) Abgas-Skandal in Deutschland betroffen sind. - Tatsächlich sind das aber – und bei Motor-KRITIK ist das seit dem 2. November nachzulesen – 2,61 Millionen Automobile aus dem VW-Konzern. Und diese Zahl gibt’s auf diesen Internetseiten spezifiziert nach Marken und Nutzfahrzeugen. - Aber nun zu den neuen VW-Darstellungen von zufällig aufgetauchten Betrugsversuchen.

VW: „Ohne Alternative“ für „alte Naive“!

Jetzt also auch die Dreiliter-V6-Dieselmotoren von Audi, Porsche und VW. Sie entsprechen im Schadestoffausstoß nicht den amerikanischen Bestimmungen. Die amerikanische Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) hat das festgestellt. Die besteht übrigens seit 1970 und beschäftigt rd. 17.000 Mitarbeiter.

Ihr zur Seite steht seit 1982 die OCEFT (Office of Criminal Enforcement, Forensics and Training), die seit 1988 die volle Polizeibefugniss zugesprochen erhielt.

Und dann spielte noch bei der Aufdeckung – in der ersten Phase des Skandals – die ICCT (International Council on Clean Transportation) eine Rolle. Deren Kontrolleure (Forscher) haben auch eine Zweigstelle in Berlin, die unter der Leitung eines ehemaligen Abteilungsleiters des Umweltbundesamtes, Axel Friedrich, steht, der auch schon mal zum VW-Diesel-Thema bei „Günther Jauch im Gasometer“ zu sehen war.

Der neue Vorwurf, die V6-Dreiliter-Dieselmotoren aus dem VW-Konzern betreffend, kommt direkt von der EPA. Darum hat Motor-KRITIK hier einmal alle in den USA vom Abgas-Skandal betroffenen Automobile der VW-Group – der 1. wie auch der 2. Stufe – aus den Unterlagen der EPA aufgelistet.

Die genauen Zahlen der in Deutschland betroffenen Automobile der VW-Group finden Sie am Ende der Motor-KRITIK-Geschichte vom 2. November mit dem Titel „VW Wolfsburg: Nur Lügner & Betrüger?“. Ein Klick auf den Titel genügt, um mal hinüber zu schauen.

Dass auch die Dreiliter-V6-Dieselmotoren nun Anlass zu Beanstandungen der amerikanischen Behörden bieten, ist für Motor-KRITIK keine Überraschung. Auch die von den Kollegen der Presse empfundenen als „Dementi“ empfundenen Erklärungen aus Wolfsburg waren eigentlich nicht mehr als geschickt formulierte „Sprachregelungen“.

Der Wortlaut der VW-Erklärung lautete:

"Die Volkswagen AG betont, dass keine Software bei den 3-Liter V6-Diesel-Aggregaten installiert wurde, um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern. Volkswagen wird mit der EPA vollumfänglich kooperieren, um den Sachverhalt rückhaltlos aufzuklären"

Als "Defeat Device" wird es in den USA empfunden, als eine Art „Abschaltvorrichtung“, mit der nicht die Abgaswerte beeinflusst werden, sondern die Software. - Man muss da schon sehr genau hinschauen, weil man weiß – auch die Journalisten-Kollegen sollten das wissen – dass nicht nur VW in solchen Fällen Spezialisten beschäftigt, die etwas Falsches darstellen, um das Richtige nicht sagen zu müssen. - Und diese sprachliche Gratwanderung wird dann sehr oft falsch interpretiert.

Realität ist, dass VW schon im Oktober (2015) in den USA den Zulassungsantrag für Dieselmodelle des Jahrgangs 2016 zurückgezogen hatte, mit der Erklärung:

  • ...die Motorsteuerung enthalte Software, die der EPA hätte offengelegt werden müssen.

Nur wird jetzt die Reihe der möglichen Verdächtigen innerhalb der VW-Group größer, da nun auch Audi-Mitarbeiter betroffen sein können, weil die Entwicklung der Dreiliter-V6-Dieselmotoren eigentlich dort erfolgte.

Oder aber, wir haben es auch hier mit einem „der üblichen Verdächtigen“ zu tun:

  • Dr. Ulrich Hackenberg.

Er begann nach dem Studium seine Karriere in der Automobilindustrie bei Audi, ging dann 2007 zusammen nicht nur mit Martin Winterkorn nach Wolfsburg, sondern war dort auch als Mitglied des Markenvorstandes für die gesamte Entwicklung verantwortlich. Also auch für die Umsetzungen des Entwicklungs-Auftrages 189 zum AE-189-Motor, der VW zunächst ins Gerede brachte. Seit dem 1. Juli 2013 ist Dr. Hackenberg nun wieder als Entwicklungschef bei Audi tätig.

  • Natürlich gilt zunächst die Unschuldsvermutung!

Und bei VW arbeiten inzwischen einige Fremdfirmen, Kanzleien und eigene Abteilungen an der Auflösung des Rätsels: Wie konnte es nur dazu kommen?

Motor-KRITIK ist auch ein Rätsel, warum das bis heute ein Rätsel ist. Man muss doch nur ein wenig die Strukturen kennen. Zumindest VW-intern sollte das der Fall sein.

Für Motor-KRITiK stellt sich das so dar:

Eigentlich umfasst die Entwicklungsabteilung bei VW nur um 80 Personen. Die entwickeln eigentlich ein neues Automobil, mit evtl. neuem Motor, neuem Getriebe, und, und, und. Diese Damen und Herren legen dann alle notwendigen Details in Vorgaben fest, die sie an die einzelnen Werke, deren Abteilungen und Ingenieure weiter reichen.

Viele Ingenieure erhalten also „Arbeitspapiere“, auf denen genau vorgegeben ist, was sie zu entwickeln haben, mit ganz exakten Angaben, also z.B. auch den Abmessungen auf den Millimeter genau.

Nun kommt es vor, dass sich etwas aus der fachlichen Sicht eines Ingenieurs nicht in der vorgegebenen Form umsetzen lässt. Dann musste er sich eine solche Abänderung – bisher – vom Vorstand genehmigen lassen!

Aber kein Vorstand weiß über Softwaredetails Bescheid, die niemand verantworten will, weil sie zu einem Betrug in mehr als 11 Millionen Fällen gegenüber dem Kunden und den Zulassungsbehörden wurden?

Also waren die schon in den Vorgaben enthalten, die z.B. die Software-Ingenieure auf den Tisch bekamen?

Da muss sich doch leicht feststellen lassen, wer für einen solchen vorsätzlichen Betrug verantwortlich ist.

Ich möchte mit dieser Darstellung nur mein Unvermögen erklären, die bisherigen Erklärungen der Verantwortlichen in Wolfsburg verstehen zu können, denn die Strukturen sind tatsächlich in Wolfsburg so wie von mir geschildert.

Was übrigens wirklich gute Ingenieure dazu bringt, zu kleinen Firmen der Branche zu wechseln, dorthin, wo sie noch wirklich in die gesamthafte Entwicklung eines neuen Projekts eingebunden sind. Für einen Wolfsburger Ingenieur (auch für die in Salzgitter oder Kassel) endet ein neues Projekt am Ende seines Schreibtisches. - Sie wissen eigentlich nicht, ob ihre Arbeit wirklich sinnvoll ist. - Sie arbeiten nur Befehle ab.

In Wolfsburg findet man als Langzeit-Beschäftigten mehr jenen Typ von Ingenieur, der – wenn man seine Arbeit kritisch hinterfragt - dann antwortet:

  • Für Geld konstruiert ein Ingenieur alles!

Darüber scheint VW jetzt gestolpert zu sein.. Ein Fehler im System (Abgas-), der durch einen Fehler im System (Struktur-) entstand.

Wer will schon dafür die Verantwortung übernehmen? Oder wenn: Dann in der Art eines Kurt Beck oder – Martin Winterkorn. - Feine Leute!

Damit wären wir dann beim neuen VW-Vorstandsvorsitzenden, Matthias Müller, der sich zum aktuellen, neuen Betrugs-Fall so äußerte. (Das haben Sie zwar oben schon mal gelesen, dient aber hier einer ziemlich ausführlichen Erklärung.) - Er verspricht „schonungslose Aufklärung“ und sagt:

"Dabei machen wir vor nichts und niemandem halt. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber er ist für uns ohne Alternative."

So ist Motor-KRITIK auf den Titel zu dieser Geschichte gekommen - und auf das Wortspiel: Alternative – alter Naive.

Wobei ich „alter Naive“ nicht als eine abfällige Bezeichnung empfinde, gerade dann nicht, wenn sie von „jungen Oberschlauen“ kommt. - Oder besser: Von jemand, der sich dafür hält.

Davon gibt' s bei VW sicherlich einige. - Eigentlich zu viele!

MK/Wilhelm Hahne
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1 Kommentar

Alles richtig

Alles richtig, nur scheint es die Käufer nicht besonders zu interessieren. Warum ist das so? Ich vermute mehrere Gründe.

Der Spritverbrauch in der Praxis dürfte wohl in Ordnung sein, sonst hätten schon Millionen Fahrer reklamiert, z.B. auch Flottenmanager, die mit dem spitzen Bleistift rechnen.

Und wer kann schon etwas mit den Abgaswerten anfangen? Was bedeuten mg/m3 oder Trübungswerte oderoderoder? Wenn da irgendein abstrakter Wert anders ist, wer kann damit schon was anfangen? Dem Fahrer kommt es in erster Linie darauf an, daß er einen HU-Aufkleber bekommt.

Warum ist das so? Ich meine, die meisten können intuitiv richtig einschätzen, dass ihr Beitrag zu einer möglichen Umweltbelastung so dermaßen gering ist, dass es eh keinen Unterschied macht, ob der Wert nun stimmt oder nicht.

Und die Hersteller wissen das intuitiv auch: warum irgendwelche Quatschwerte erreichen, wenn es auch anders geht?

Das soll nicht die Manipulationen rechtfertigen.

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