Motorsport 2016: Für wen eigentlich?

Ein interessantes Motorsport-Wochenende liegt hinter uns. Da gab es am Nürburgring – und das auf der Nordschleife – den 8. Lauf zur Deutschen Langstrecken-Meisterschaft 2016. Was wie so nebenbei als VLN-Lauf bezeichnet wird, ist nämlich eigentlich ein Lauf zur Deutschen Langstrecken-Meisterschaft. - In Budapest wurden zwei Läufe zur DTM, der Deutschen Tourenwagen-Masters ausgetragen. Es waren die zwei letzten Rennen vor den Endläufen in Hockenheim, wo dann jemand den „Masters-Titel“ mit nach Hause nehmen darf. - Nein, keinen Meister-Titel, denn die DTM ist keine deutsche Meisterschaft! - Und es gab im spanischen Aragon einen Lauf zur Motor GP, der Motorrad-Weltmeisterschaft. - Ehrlich: Ich war nicht bei der VLN, sondern habe mir dafür das Qualifying der Moto GP im Fernsehen angeschaut. Am Sonntag war es mir auch wichtiger, das Moto GP-Rennen im Fernsehen zu erleben, als irgendwo nach einer Übertragung eines DTM-Laufs im Fernsehen zu suchen. Immerhin habe ich am Samstag immer wieder auf meinen Computer geschaut und das VLN-Rennen so verfolgt. - Ich habe mir auch meine Gedanken gemacht, warum ich ein Qualifying von Motorrädern im Fernsehen einer „Live“-Veranstaltung am Nürburgring vorziehe. - Bei der DTM – als sie oben am Nürburgring war – bin ich auch nicht gewesen. Aus meiner Sicht hat das nichts mehr mit Sport zu tun. - Und so habe ich dann heute eine kleine Umfrage gemacht, deren Ergebnis mich dann auch die Frage stellen lässt:

Motorsport 2016: Für wen eigentlich?

Gegenüber „Früher“ hat die Starterzahl bei der VLN abgenommen, dafür ist die Anzahl der Klassen deutlich gestiegen. Bei jedem VLN-Lauf gibt es inzwischen 26 Klassensieger, manche werden es so ohne jede Konkurrenz, weil sie alleine in der Klasse sind. So eilen manche in der jeweiligen Saison von Klassensieg zu Klassensieg, was sich für die jeweiligen Sponsoren – ohne jede Ahnung – gut anhört.

Ich weiß nicht, wie man sich da als Fahrer fühlt. Aber abends am Stammtisch – der eine im Kegel-,· der andere im Golf-Klub – macht sich das sicher sehr gut. Denn die Gesprächspartner dort haben meistens keine Ahnung. - Sind diese Fahrer eigentlich als Motorsportler zu bezeichnen?

Auch die Zuschauer bringen nicht unbedingt Ahnung, aber immerhin Begeisterung für den Motorsport mit. Aber selbst für die kann dann ein Rennen, das sie begeistert hat, noch zu einer Enttäuschung werden.

Ich traf heute am Vormittag u.a. einen solchen VLN-Besucher, einen richtigen Motorsport-Fan, der mir empört berichtete, dass er erst heute morgen aus der Lokalzeitung erfahren hat, dass gar nicht stimmte, was er glaubte mit eigenen Augen gesehen zu haben.

„Ich habe auf der T 4 gesessen, habe Eintritt bezahlt, dass Rennende und die Siegerehrung erlebt. Der Manthey-Porsche hatte knapp vor dem Haribo-Mercedes gewonnen. - Ein schönes Rennen. Und nun habe ich in der Zeitung lesen müssen, dass der Haribo-Mercedes gewonnen hat, weil der Porsche wegen eines Vergehens (gelbe Flagge) in der letzten Runde mit 35 sec bestraft wurde. - Warum war ich eigentlich da, wenn ich erst am Montag aus der Zeitung erfahre, dass nicht stimmt, was ich gesehen habe?“

Meine Antwort: „Da kannst du aber froh sein, dass du nicht bei der DTM in Budapest warst!“

Mein Gesprächspartner lacht: „Aber das Ergebnis kenne ich auch aus der ‚Rhein-Zeitung‘.“ - Ihm vergeht das Lachen als ich ihm erzähle, dass das dort genannte Ergebnis nicht stimmt.

Aus einer Pressemitteilung von heute, dem Montag nach dem Rennen:

„Marco Wittmann hätte am Sonntag auf dem Hungaroring einen großen Schritt in Richtung DTM-Titel machen können. Nach 36 Runden war der BMW-Pilot beim Sonntagsrennen als Vierter über die Ziellinie gefahren und hatte damit seinen Vorsprung in der Gesamtwertung auf 26 Zähler gegenüber Edoardo Mortara (Audi) ausgebaut, der nicht in die Punkte fuhr. Doch der DTM-Champion von 2014 konnte sich nur gut vier Stunden über seine gute Ausgangsbasis für das Finale in Hockenheim freuen. Dann entschieden die Sportkommissare, dass die Platzierungen von Wittmann und auch Daniel Juncadella (Mercedes-Benz), der Platz drei belegt und den ersten Podiumsplatz seiner DTM-Karriere erobert hatte, gestrichen werden.“

Die Zuschauer, die in Budapest waren, werden das auch erst – frühestens – heute, aber normalerweise erst Morgen aus der Zeitung erfahren. Man hatte gegen das technische Reglement verstoßen. - Mein Gesprächspartner:

  • „Und so hofft man dann mehr Zuschauer nach Hockenheim zu holen?“

Es macht doch überhaupt keinen Sinn mehr, als Zuschauer ein Rennen zu besuchen und dafür zu bezahlen, dass man etwas sieht, was dann einen Tag später nicht mehr gilt. - Das war die Feststellung des Motorsport-Fans, mit dem ich am Morgen sprach.

Motor-KRITIK fragt: Was ist das für ein Motorsport, wo die Straßenversion eines GT3 mehr PS hat als die Rennversion, die auch sonst nur noch wenig mit der Straßenversion gemein hat? - Aus Sicherheitsgründen (!) auf der Rennstrecke weniger PS als im Straßenverkehr? - Dafür mehr Flügel!

Und Herr Schacht, der Geschäftsführer des DMSB, der auch beim 8. VLN-Lauf am Nürburgring war, beanstandet, dass die Gelbphasen zu spät gezeigt, dass gezeigte „Blau“-Flaggen (zum Überholen frei machen) überwiegend nicht beachtet werden. - Hat der DMSB nicht mit bekommen, dass inzwischen bei der VLN einiges nicht mehr stimmt?

Als Beispiel kann da der Audi R8 dienen. Aber auch andere GT3-Typen. Beim 8. VLN-Lauf machten die dort zum Start gemeldeten GT3 übrigens 8,3 Prozent des Starterfeldes, die Cup-Fahrzeuge 23 Prozent der Starterliste aus.

Die Ausfallquote beim 8. VLN-Lauf lag insgesamt bei 24 Prozent. Die ersten Zehn nach der Zieldurchfahrt – nach vier Stunden Renndauer – waren alles GT3 (SP9)-Fahrzeuge. Die Ausfallquote in dieser Kategorie lag bei 38,5 Prozent.

Die am besten besetzte Klasse, aus der dann auch in 2016 der Gesamtsieger der VLN-Langstreckenserie kommen wird, war die der Cup 5-Fahrzeuge, der Rennversion des BMW M235i. Hier gab es bei diesem Rennen eine Ausfallquote von 32 Prozent.

Ich persönlich habe noch niemals so geradezu primitiv zu Rennfahrzeugen umgebaute Serienwagen erlebt, wie sie hier von BMW werksseitig den Kunden angeboten werden. Wenn man schon in der hinteren Stoßstange Löcher sieht, so stammen die von den hinteren Haubenhaltern, die beim Anspannen den Leuten aus der Hand gerutscht sind und dann die Stoßstange durchschlagen haben.

Oder werfen wir mal einen Blick auf die Tankentlüftung, die im Fahrgastraum hinter dem Fahrer mit einem Binder am Überschlagbügel angebunden ist, um dann nach draußen zu führen. Noch schöner ist allerdings der Einfüllstutzen, der nur halb zugänglich ist, weil er z.T. von den Verbreiterungen überdeckt wird.

Und kann man sich vorstellen, dass eine Motor- und Getriebeeinheit starr (unbeweglich) in ein Automobil eingebaut ist? - Dann schauen Sie sich mal die Cup-Version des BMW 235i genauer an.

Dass die BMW-Cup-Fahrzeuge dann in ihrer ersten Version wahrscheinlich von der Marketingabteilung „sportlich hart“ abgestimmt worden waren, in einer Art, die überhaupt nicht zu Nordschleife passte, ist eine Schwäche, die man beseitigen konnte.

Mit so einer „Kiste“ wird man dann 2016 Gesamtsieger der VLN-Langstreckenserie. BMW wird das sicherlich dazu nutzen, auf die besondere sportliche Qualität ihrer Fahrzeuge zu verweisen.

Das sportliche Angebot aus Spanien, der Lauf zur Motorrad-WM war dagegen in allen Kategorien – der Moto 3, 2 und GP ein voller Genuss. Man stelle sich nur mal vor, dass in einem Werksteam im Automobilsport ein Fahrer seinem Kollegen in einem gemeinsamen Werksteam wertvolle WM-Punkte wegnimmt, ohne auf seine Marke Rücksicht zu nehmen. - In Aragon ist das passiert!

Bei der DTM wäre so etwas nicht möglich. In Hockenheim versucht man noch einmal – nachdem in Budapest noch einmal „künstlich nachgeholfen“ wurde, „spannenden Motorsport“ darzustellen.

Im nächsten Jahr wird es dann – mit weniger Fahrzeugen – wahrscheinlich noch spannender. - Und wie ich bereits schrieb: Die Formel 1 ist auf dem gleichen Tripp.

Für wen wird der Motorsport eigentlich noch betrieben? - Für Zuschauer, für Fans? - Mit welchem Typ Rennfahrzeug sollte sich denn der Beobachter heute noch identifizieren können? - Oder mit welcher Rennserie?

Mit einer Tourenwagen-WM, in der die Wettbewerbsfahrzeuge an einem Renntag zwei Mal 30 Minuten unterwegs sind?

Die Industrie, die früher einmal Motorsport so als eine Art von „billiger Werbung“ betrieb, die möchte heute damit Geld verdienen. Porsche hat es mit seinem Cup vorgemacht, alle anderen haben nachgezogen.

So ist dieser Cup-Motorsport zu einer krank machenden Wucherung geworden!

Porsche Manthey hat mit dem Cup 4-Cayman noch „eins drauf gesetzt“. Dieser Cup wurde inzwischen offensichtlich zu einer Gelddruckmaschine. Zu den bisher acht VLN-Läufen gab es sieben Cup4-Bulletins! Da werden dann die „Verbesserungen“ vorgeschrieben, die dann alle Teilnehmer vornehmen müssen, um im Cup gewertet zu werden.

Da sind z.B. neue Felgen vorgeschrieben. Wenn man bedenkt, dass zu einem Cup-Cayman dann ungefähr 20 neue Felgen gehören… -

Der Sport ist nicht nur beim Fußball in den Hintergrund getreten. Leute vom Typ Beckenbauer gibt es inzwischen überall – auch im Motorsport.

  • Motorsport war immer teuer, aber nun scheint er in Nepp auszuarten.

Erinnern wir uns doch mal an die Tourenwagen-Europameisterschaft vor Jahrzehnten. Da gab es sogar 6-Stunden-Rennen. Da hatte man auch als Privatfahrer gegen die „Werkswagen“ - gegen die Audi z.B. - noch eine Chance, weil von denen nicht immer alle ankamen.

Was ist denn heute wirklich noch Motorsport? - (Die Betonung liegt auf Sport!) - Gibt es eigentlich außer ein paar „alten Rennstrecken“ noch solche, die einem Fahrer Spaß machen? - Natürlich die Nürburgring-Nordschleife. Aber nicht zu den Ausschreibungsbedingungen einer VLN-Serie mit 26 Klassen und einem Reglement, das praktisch alles reglementiert. - Überreglementiert! - Man schaue sich doch nur mal einen dieser Stopps mit Reifenwechsel, Tanken und Fahrerwechsel z.B. auf „youtube“ an, wo der eingestiegene Fahrer dann genügend Zeit haben würde, um noch mal schnell die zuletzt eingegangenen E-mail zu lesen.

In Amerika werden die schnellsten Boxen-Crews ausgezeichnet, sind z.T. aus hervorragenden Sportlern zusammen gesetzt. In Deutschland wird man bestraft, wenn man zu schnell ist.

Dafür arbeitet man mit vorgeschriebenen (!) Tankkannen, die die Feuergefahr erhöhen, weshalb alle Monteure mit feuerfester Kleidung ausgestattet sein müssen. Auch beim 8. VLN-Lauf hat es wieder gebrannt. Beim Tanken vor der Box. Bei einem Fahrzeug, das der GT3 zuzurechnen ist, aber das in einer Klasse fährt, in der sich nicht homologierte Automobile tummeln dürfen. - So etwas gibt es!

Früher war wirklich nicht alles besser. Aber es gab noch Motorsport, den man ernst nehmen musste. Und der begeisterte, der von einer Art war, wie man ihn heute leider nur noch bei der Moto GP finden kann.

Aber vielleicht haben die Werke eine andere Zielgruppe im Auge. Oder ist es Zufall, dass in Fernsehsendungen bei Motorsportübertragungen so häufig Bierwerbung eingeblendet wird?

Vielleicht möchte man auch nur an „Prost“ erinnern. - An Alain Prost. -

Prost!

MK/Wilhelm Hahne

PS: Einer meiner Gesprächspartner von heute fährt übrigens am Donnerstag nach Marburg. Zur Michael Schumacher-Ausstellung. - Wäre die nicht am Nürburgring besser platziert gewesen?

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