„The Baron“: Es wurde seine letzte Runde!

Es wird kaum jemand geben, der von sich behaupten könnte: „Ich habe ihn gut gekannt.“ Wenn man vom „Red Baron“ spricht. „Red Baron“ war eigentlich ein Flieger-“Vorbild“ aus dem 1. Weltkrieg, 14/18; „the young generation“ nur aus PC-Spielen bekannt. „The Baron“, von dem hier die Rede sein soll, ist kein Deutscher, sondern hat diesen Beinamen durch seine britischen Motorradfreunde erhalten. Er war schon auch ein Stück „Red Baron“ deshalb, weil er beim Motorradfahren meistens eine rote Kombi trug. Und er fuhr nicht irgendwo Motorrad, sondern am Nürburgring. Er fuhr auch nicht irgendwie Motorrad, sondern immer „mit Druck“, schnell, kompromisslos. - „The Baron“ war nicht nur ein Freund des Nürburgrings, sondern er lebte auch in der Nähe des Rings, wo er zuletzt eine Pension betrieb, die in der Saison immer mit britischen Motorradfahrern gefüllt war. Ein Brite in Deutschland, den man in England als „The Baron“ kannte, schätzte und – verehrte. „The Baron“ war nicht alt. Erst 48 Jahre. So sehr er die Eifel – und den Nürburgring – liebte, so sehr zog es ihn nach Spanien, wo er schon vorher gerne die Winter verbrachte. Nun wollte er in Spanien seinen Lebensabend verbringen, einen Strich unter sein bisheriges Leben ziehen. - Nur noch eine Runde über die Nordschleife… -

„The Baron“: Es wurde seine letzte Runde!

Nein, es war keine große Schlagzeile. Es war eigentlich eine nüchterne Polizeimeldung in einem Anzeigenblatt, die der Redakteur mit dem Titel versehen hatte:

„Brite nach Unfall vom Auto erfasst und tödlich verletzt“

Die Pressemitteilung dazu von der Polizeiinspektion Adenau lautete dazu:

„Nürburgring. Im Rahmen der Touristenfahrten auf der Nürburgring Nordschleife ereignete sich am Sonntag, 14. Mai, gegen 13:20 Uhr auf der Nordschleife im Bereich des Streckenabschnitts Klostertal ein Verkehrsunfall, bei dem eine Person tödlich verletzt wurde. Der tödlich Verunfallte 48-jährige britische Staatsangehörige verließ nach einem technischen Defekt sein Fahrzeug, lief entgegen der Fahrbahn in Richtung einer Zufahrt der Nordschleife in Adenau Breidscheid. Er wurde hierbei von einem Fahrzeug erfasst und erlag kurze Zeit später an der Unfallstelle seinen schweren Verletzungen.“

Hinter diesen dürren Worten verbirgt sich eine Tragodie. Aber viele Leser werden die Meldung überfliegen und weiter blättern. Bestenfalls werden sie denken: Warum läuft auch jemand auf einer Rennstrecke in Richtung einer Kilometer entfernten Ausfahrt?

Beim Schreiben fällt mir ein und auf, dass selbst so ein einfaches Denken schon eine gewisse Ortskenntnis erfordert. Diese Meldung wird aber erst zu einer Geschichte, die einen anrührt, wenn man sich ein wenig mit den Hintergründen beschäftigt hat.

Seine Freund nannten ihn Bren und er hat lange, lange als Instruktor am Nürburgring gearbeitet, hat Neulinge eingewiesen, ihnen die Ideallinie gezeigt und aufgrund seiner Erfahrung auch erklärt, wie man sich auf dieser oft sehr unübersichtlichen Nordschleife im Falle eines Fahrzeugdefekts verhalten sollte.

Bren ist mit Motorrädern – aber auch mit Automobilen – sehr, sehr schnell auf der Nordschleife unterwegs gewesen. Er kannte die Risiken, wusste wie er sich in bestimmten Situationen zu verhalten hatte. Und dieser Mann soll einen Fehler gemacht haben, wie man ihn höchstens von einem „greenhorn“ am Nürburgring erwarten sollte, das auf alle guten Ratschläge und Einweisungen verzichtet und allein den Sicherheitseinrichtungen seines Automobils vertraut?

Der Unfall passierte in/nach der so genannten „Mutkurve“, einer schnellen Linkskurve, in die man „blind“ einlenkt. Am rechten Kurvenrand geht es nach den Leitplanken steil bergab. Hier haben vor Jahren die Rettungssanitäter schon mal eine Motorradfahrerin geborgen, die von einem „Renntaxi“ über die Leitplanken bergab befördert wurde. Sie wurde mit dem Hubschrauber nach Trier ins Krankenhaus geflogen und ist dort gestorben.

Bren ist sozusagen „auf der Strecke“ gestorben. Ein Automobil hat ihn – wohl mit dem Heck – erfasst. Er hat schwerste Kopfverletzungen erlitten und war und ist noch am Unfallort verstorben.

Aber man fragt sich: Warum ist das diesem Mann passiert?

Wer an dieser Stelle – dazu noch mit ausgezeichneter Streckenkenntnis – mit einem Automobil ausrollt, der weiß – gerade wie Bren – dass man schnellstens das Automobil verlassen muss, um sich hinter die Leitplanken zu begeben. Die Crux an diesem Streckenabschnitt ist:

Man hat aus Sicherheitsgründen direkt hinter den Leitplanken einen Zaun errichtet, damit niemand den Berg hinunter fällt. Man wird diesen Zaun als „Sicherheitsmaßnahme“ beschreiben. Dieser Zaun hat Bren daran gehindert das zu tun, was er vielen hundert „Schülern“ immer wieder gepredigt hat: Sofort hinter die Leitplanken!

Ich weiß natürlich nicht, ob Bren nachfolgende Fahrer warnen wollte, weil wohl auch Öl im Spiel war. Bren wusste als leidenschaftlicher Motorradfahrer um die Problematik, wenn man – gleich ob schnell oder langsam – mit dem Motorrad auf Öl kommt.

Oder wollte er sich nur auf der anderen Seite der Strecke in Sicherheit bringen?

Man weiß es nicht. - Man weiß nur mit Bestimmtheit: Bren ist tot!

Bren hatte sein „Sliders Guesthouse“ (bed & breakfast) in Dollendorf gerade verkauft, wollte sich vom Nürburgring ganz zurückziehen. Er liebte das Klima in Spanien. Dort wollte er den Rest seines Lebens verbringen.

Von seinen Freunden in der Eifel hatte er sich schon verabschiedet. Er wollte aber wohl noch irgendwie von der Nürburgring-Nordschleife Abschied nehmen, noch einmal eine Runde drehen. Mit dem Automobil. Und das sicherlich genussvoll, noch einmal den Reiz von Strecke und Landschaft genießen.

Ein technischer Defekt setzte seiner Fahrt ein Ende. Und dann kam es zu einem „zufälligen“ Zusammentreffen von Dingen, die ihn dann in eine Situation brachten, die meine Großmutter bei in ihrem Umfeld erlebten Trauerfällen manchmal mit einem „unverständlichen Kopfschütteln“ und der Feststellung kommentierte:

„Wenn du dran bist, bist du dran!“

Man kann danach nicht einfach zur Tagesordnung über gehen. Man wird aber auch danach sein Leben nicht ändern. Aber man sollte vielleicht ein solches Miterleben zum Anlass nehmen, mehr über den Wert des Lebens nachzudenken.

Tatsächlich steht heute bei Allem (!) zunächst der „schnöde Mammon“ im Vordergrund. Schilder mit „Vorsicht Lebensgefahr!“ werden gar nicht ernst genommen. Aber wenn man Geld verliert, wird das als dramatisch empfunden.

In diesem Fall haben viele Nürburgring-Fans einen von ihnen, einen Menschen verloren. Es ist ein Unfall, der eigentlich unmöglich schien. Aber tatsächlich kamen hier alle Faktoren so zusammen, dass sich daraus dann eine Tragödie entwickelte.

Ein Fan wollte Abschied von „seiner Strecke“ nehmen. Noch eine letzte Runde Nürburgring!

Es wurde seine letzte Runde!

Ein Mensch hat uns auf eine Art verlassen, die man sich nicht ausdenken kann!

„Wenn du dran bist, bist du dran!“

Was blieb, waren ein paar nüchterne Zeilen aus dem Polizeibericht. Eine von acht Pressemitteilungen auf dieser Seite. - Die über ihn – war nicht die Größte.

Bren, „The Baron“, hat eigentlich einen anderen Nachruf verdient!

MK/Wilhelm Hahne

PS: Wenn Sie mit Bren noch eine schnelle Runde Nordschleife drehen wollen, dann müssen Sie HIER KLICKEN! - Das Video stammt aus dem Jahre 2007, ist also 10 Jahre alt. Ben war da 38 und fuhr eine Yamaha R1. - Achten Sie bei dieser Gelegenheit mal darauf, wie sich der Touristenverkehr in diesen 10 Jahren auf der Nordschleife „verdichtet“ hat. - Leider hat dabei die Qualität ihrer Nutzer – im Durchschnitt betrachtet – abgenommen. - Die Zeiten haben sich eben geändert! - Wollte Bren deshalb nach Spanien? - Der „Spaß“ am Nürburgring hat leider abgenommen!

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