VLN-Lauf 3: Kann denn Lüge Sünde sein?

Nach Mitternacht hörte man an diesem Samstag bei der ARD während der ESC-Übertragung aus Stockholm: „Unsere Tonleitungen sind zusammen gebrochen.“ - Da war also schon Pfingst-Sonntag. Und ich fühlte mich nicht gerade wie vom Heiligen Geist erfüllt. Schon 12 Stunden vorher, noch während der VLN-Veranstaltung, des dritten Langstreckenrennens in diesem Jahr, war auch in mir etwas zusammen gebrochen. Man glaubt nicht, was man sieht. - Bis einem einfällt, dass es das alles schon mal gegeben hat. Nur ein wenig anders. „Damals“ gab es z.B. dann bei einem 24-Stunden-Rennen nicht zu wenig, sondern zu viele Starter. - Auch das hat man hinbekommen. - Jetzt gibt es eigentlich – nicht nur beim 24h-Rennen, sondern auch bei der VLN - zu wenig. Und man ist einfach zu schnell geworden. Da fährt ein Jörg Müller eine 7:59 min. Damit denke ich kopfschüttelnd, gefährdet der doch den geplanten BMW-Gesamtsieg beim 24-Stunden-Rennen. Denn im Hintergrund lauert das Porsche-Manthey-Team, wartet auf solche „Fehler“. Im Dunkel des Über-Reglements lautert die „BoP“. Da wird man dann... - Ich darf nicht daran denken. - Und setzte mich abends vor den Fernseher um mich von der ESC-Übertragung aus Stockholm ablenken zu lassen. - Und erlebe eine optische und tonale Überzeichnung – zu bunt, zu laut. Eigentlich vergleichbar mit dem, was ich an diesem Tag bei der VLN erlebt habe. - Beides schrecklich. Bei der ESC scheint nicht mehr die Musik im Mittelpunkt zu stehen. Bei der VLN nicht mehr der Sport. - Sind das noch Automobile, wie sie uns eigentlich als seriennah dargestellt werden sollten? - Auch die GT3 sollen schließlich auf Serienfahrzeugen basieren. Und die ESC sollte eigentlich ein Stück Musikerlebnis sein. - Beide „Felder“ sind zu einem Schlachtfeld der Marketing-Spezialisten verkommen, denen „das Verkaufen“ das Wichtigste zu sein scheint. - Und man fragt sich – auf den Motorsport bezogen:

VLN-Lauf 3: Kann denn Lüge Sünde sein?

Für „Insider“ waren die 7:59 min für eine Runde auf der Nürburgring-Nordschleife in der VLN-Kombination mit einem Stück GP-Kurs nicht überraschend. Am 5. Mai war hier in Motor-KRITIK zu lesen:

„Dieses Jahr, 2016, möchte BMW gewinnen. Und hat alle Vorbereitungen getroffen.

Dieses Jahr präsentiert man ein neues Einsatzfahrzeug, den BMW M6 GT3. Drei Teams setzen insgesamt 6 dieser Fahrzeuge ein. Da ist man bei BMW eigentlich sicher, dass es in diesem Jahr zum Gesamtsieg reichen sollte und läd Kunden und Fans zur Party ein. Es soll ein „M-Festival“ werden.“

Und am 5. April, nach dem 1. VLN-Lauf in 2016 war hier zu lesen:

„Ich glaube nicht, dass es derzeit ein Rennfahrzeug bei den VLN-Läufen gibt, dass so schwierig zu warten – weil so kompliziert im Aufbau – ist, wie dieser BMW M6 GT3. Und man merkt, dass die Nürburgring-Nordschleife nur ein schmales Eifelsträßchen ist, wenn darauf so ein „mächtiger“ BMW unterwegs ist.

Und man kommt zu der Erkenntnis: Von Allem zu viel, ist auch nicht gut!“

Lucas Luhr, BMW-Werksfahrer, sagte nach dem 3. VLN-Lauf, nach dem Zieleinlauf von drei BMW M6 GT3 auf den Plätzen 1, 2 und 3:

„Wir haben von Beginn des Rennens an voll gepusht, weil wir einfach sehen wollten, was mit dem neuen M6 GT3 geht.“

Was wirklich geht, wurde auch von der Zeitnahme registriert. Ich zeige hier einen Screenshot von der Anzeige der offiziellen Zeitnahme, die schon im Training wunderbar funktioniert hatte und deren Messungen nach der 1. Runde für viele, die das überhaupt mitbekommen haben, wie ein Schock wirken musste:

Auf den ersten fünf Plätzen wurde unter 8:00 min gefahren, auf den Plätzen 6 – 10 fuhr mann zwischen 8:00 und 8:02 min. Nach Fabrikaten sieht das so aus:

  • 3 BMW M6 GT3 klar unter 7:50 min
  • 1 Audi R8 LMS dann 7:55 min
  • 1 Ford GT einen Hauch unter 8:00 min
  • 3 Manthey-Porsche 8:00 min
  • 1 Bentley 8:01 min
  • 1 Audi R8 LMS 8:02 min

Das in der ersten Runde, die „fliegend“ gestartet wurde, die auch frei gefahren werden kann, aber – mit vollem Tank!

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf – weil sich die "Sicherheitsbemühungen" des DMSB nicht so darstellen dürfen – hat man bei der Zeitnahme wohl eine Korrektur vorgenommen und die schnellsten Rennrunden stellen sich im Endergebnis nun so dar:

Die drei siegreichen BMW M6 GT3 fuhren ihre schnellsten Rennrunden in den Runden 12, 12 und 6 und werden mit 8:04, 8:06 und 8:07 genannt. Der Audi R8 LMS fuhr seine schnellste Rennrunde – wie auch der Ford GT – in Runde 17 mit 8:07, der Ford mit 8:14 min.

Die drei Manthey-Porsche fuhren ihre schnellsten Runden in 12, 13 und 21 sec langsamer, als von der Zeitnahme in der ersten Runde ausgewiesen, der Bentley war in Runde 18 um gut 10 sec langsamer und der lt. Zeitnahme in der 1. Rennrunde Zehntschnellste Audi R8 LMS knapp 7 sec.

Nach Feststellungen von Motor-KRITIK wurde vorher auch noch niemals ein VLN-Lauf nach 4:00:20,841 beendet, nach dem 28 Runden absolviert waren. Ähnliche Endzeiten wurden aber tatsächlich erreicht, wenn 27 Runden beendet waren. - Ein Beispiel dafür, wie schnell dieses Rennen nach den durchgeführten „Sicherheitsmaßnahmen“ des DMSB war.

Dank solcher Maßnahmen landete ein Rennteilnehmer mit seinem Fahrzeug in der „Klostertalkurve“ dann auch „hochkant“ vor den FIA-Zäunen. - Es war kein GT3-Fahrzeug.

Wenn Sie sich davon selbst einen kleinen Eindruck verschaffen wollen: HIER KLICKEN!

Es gab auch sonst einige interessante Ungereimtheiten beim 3. VLN-Lauf. Auf meine Nachfragen vor Ort wurde mir bestätigt, dass 158 Fahrzeuge trainiert hätten und auch 158 Fahrzeuge gestartet wären. Das konnte aber nach meinen Informationen schon deshalb nicht sein, da ich „vor Ort“ feststellen konnte, dass man ein Fahrzeug nach dem Training disqualifiziert hatte, weil die vorgeschriebene Bodenfreiheit nicht eingehalten wurde.

Mir wurde aber dann erklärend gesagt, dass dieses Fahrzeug nach dem Umbau der Federn doch noch zum Rennen zugelassen worden und angetreten wäre. - Ich habe den Computerinformationen insgesamt andere Zahlen entnommen. Da ich keine Screenshots gemacht hatte, kann ich das – leider – nicht beweisen.

Ich kann aber aufgrund der nun von der VLN ins Internet gestellten Ergebnisseiten feststellen:

Da gab es lt. „Vorläufiger Teilnehmerliste“ 160 Teilnehmer.

Nach den offiziell im Internet einsehbaren Trainingsergebnissen haben 156 Fahrzeuge trainiert. - Davon DNQ = Does Not Qualifying: 2 Fahrzeuge

Nimmt man das Rennergebnis und addiert die Zahlen:

  • in Wertung angekommen:        116 Teilnehmer
  • DNF = Did Not Finish               + 35 Teilnehmer
  • DNS = Did Not Start                -    6 Teilnehmer
  • insgesamt:                                151 Teilnehmer

Es passt also wenig zusammen. Aber man wird sicherlich für alles eine Erklärung haben.

Tatsache ist aber wohl, dass man sich gewisse Zahlen so passend machen muss, wenn sie in die jeweilige Argumentation passen sollen. Damit es auch für die meisten Leser unverständlich wird, verwendet eine Organisation, die sich seit Jahrzehnten dem Basis-Motorsport in Deutschland verschrieben hat, dann Abkürzungen, die aus englischen Darstellungen kommen und darum hier in Motor-KRITIK auch einmal ausgeschrieben wurden, um sie – vielleicht – allgemein verständlich zu machen.

Klaus Abbelen – so hörte ich – hat sich mit seiner Aussage, nicht mehr mit seinem „Frikadelli“- Porsche GT3 bei VLN-Läufen oder dem 24h-Rennen anzutreten, weil er sich durch die BoP (Balance of Performance) benachteiligt fühlt, keine Gefallen getan habe. - Natürlich nicht! - Er hat sich bei den Motorsport-Funktionären unbeliebt gemacht, weil er eigentlich die Wahrheit gesagt hat, das gesagt hat, was alle denken, aber sich kaum jemand auszusprechen traut.

Feststellung von Motor-KRITIK:

  • Die BoP, der Versuch der „Gleichmacherei“ von GT3-Fahrzeugen ist blödsinnig, dient nur der Umsetzung von Marketingzielen in gewünschte Rennergebnisse.
  • Das DMSB-Nordschleifen-Permit verstößt gegen das Gesetz der Landesregierung, das den freien Zugang der Motorsportler zur Nürburgring-Nordschleife garantieren soll.

Es ist dringend erforderlich, dass das Technische Reglement für den Einsatz von GT3-Fahrzeugen im Motorsport geändert und deutlich entschlackt wird. GT3-Fahrzeuge sollten – das war der Ursprungsgedanke - „seriennah“ sein. Davon sind sie heute – auch kostenmäßig – weltweit entfernt.

Wären GT3-Fahrzeuge z.B. nur mit den aerodynamischen Hilfsmitteln und den „Sicherheitssystemen“ im Motorsport zugelassen, mit denen sie auch in der Basis-Serienversion geliefert werden, weil die auch der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung entsprechen müssen, dann müsste man ihnen auch nicht durch eine „BoP“ z.B. „die Luft zum Atmen“ nehmen. Wenn man dann noch das Gewicht des Serienfahrzeugs zur Basis des Modells für den motorsportlichen Einsatz macht, dann sehen die Hersteller der Kleinserien von GT3's „ziemlich alt“ aus.

Diese GT3-Serie wurde von der Herstellerseite eigentlich nur geschaffen, weil man auch mit dem Motorsport mal richtig Geld verdienen wollte. Porsche diente da als Vorbild. - Aber man hat dann mit Hilfe der Marketingsabteilungen versucht, mehr als nur neue Sportinstrumente zu schaffen.

Leider funktioniert das nicht so, wie sich das die gut ausgebildeten, dynamischen Manager vorstellen.

Motorsport sollte immer ein Sport bleiben, der auch die Konkurrenzfähigkeit von Automobil-Serienmodellen verdeutlicht. Und der den Rennfahrer nicht zu einem Bediener von elektronischen Hilfsmitteln werden lässt, die die belohnen, die besser trainiert sind und z.B. behalten, an welcher Stelle der Rennstrecke sie welchen Knopf zur Einstellung der in diesem Fall optimalen Traktionskontrolle drücken müssen.

Die VLN muss sich wieder aus den Klauen der Industrie lösen, in die sie mit „drängender Unterstützung“ des ADAC Nordrhein gekommen ist.

Auch der Stern des ADAC (Nordrhein) sinkt, wie man am Nennungsergebnis für das 24h-Rennen sehen kann. Für die Industrie ist fast selbstverständlich geworden, in ihrem Sinn in den Motorsport eingreifen zu können. Natürlich konnte so z.B. das 24-h-Rennen – da in „privater Hand“ - auch mal einen gewaltigen Auftrieb nehmen. - Vorbei!

Die negativen Auswirkungen erlebt man heute bis hin zur VLN.

Und auch Motor-KRITIK registriert als Beobachter den Niedergang eines über viele Jahrzehnte selbst betriebenen Basis-Motor-Sports. Es ist bedauernswert – und stimmt traurig – wenn heute über einer Geschichte zu einem VLN-Lauf als Titel stehen muss:

„Kann denn Lüge Sünde sein?“

MK/Wilhelm Hahne
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