Thema zum Fest: Rennfahrer & „Alphatiere“

Wenn ich Ihnen, lieber Leser, mit dieser Geschichte nicht nur ein Frohes Weihnachtsfest, sondern auch noch einen Guten Rutsch ins Neue Jahr wünsche, so möchte ich das nicht tun, ohne einmal ein paar Gedanken zusammen zu fassen, die auch aktuelle Situationen in unserem geliebten Motorsport ein wenig ausleuchten. Es gibt dazu – meine ich – auch etwas Grundsätzliches zu sagen. Wobei natürlich jeder Mensch zu bestimmten Situationen seine eigene Meinung hat, weil jeder andere Voraussetzungen, schon aufgrund seiner persönlich vorhandenen – oder nicht vorhandenen – Erfahrungen mitbringt. Ich habe z.B. Erfahrungen auf dem Gebiet des Motorsports, aber auch solche, die ich in größeren Betrieben oder Redaktionen gesammelt habe. Überall gelten scheinbar andere Gesetzmäßigkeiten, aber doch gibt es Gemeinsamkeiten, bestimmte Eigenschaften über die man verfügen sollte – aber nicht haben muss (!) - wenn es darum geht, Erfolge zu erringen.

Thema zum Fest: Rennfahrer & „Alphatiere“

Erfolgreiche Menschen müssen in ihrem Beruf nicht unbedingt „Alphatiere“ sein. Es kommt eben darauf an, wie man Erfolg definiert. „Alphatiere“ sind – wenn sie einmal nüchtern betrachtet, nicht unbedingt die besten Menschen.

Aber diese Art, die nicht immer als positiv empfunden wird, ist z.B. erst die Voraussetzung, zu einem guten Rennfahrer zu werden. Hamilton, Alonso, Prost – um nur wenige zu nennen – sind oder waren „Alphatiere“. Michael Schumacher auch. - Nico Rosberg war es in diesem Beruf nicht. Obwohl er sonst gute Anlagen zu einem Rennfahrer hatte, die selbstverständlich – wenn man einen solchen Beruf ergreift – immer vorhanden sein sollten.

Auch Angela Merkel, obwohl als „mächtigste Frau der Welt“ empfunden, ist kein „Alphatier“. Sie ist eine gute Politikerin. Da braucht es andere Eigenschaften. Angela Merkel wäre – auch wenn sie über ein großes Fahrtalent verfügen würde – niemals eine erfolgreiche Rennfahrerin geworden.

Der türkische Staatspräsident, Erdogan, ist sicherlich ein gutes Beispiel dafür, dass man zwar als „Alphatier“ empfunden werden kann, eine Bezeichnung, die in Verbindung mit einem Politiker dann aber einen mehr negativen Beigeschmack bekommt.

Kehren wir wieder zurück zum Rennsport: Max Verstappen hat alle Anlagen zu einem „Alphatier“ - aktuell noch ein wenig „überzeichnet“ - und damit zu einem erfolgreichen Rennfahrer zu werden. Im Motorsport verdeckt der Glorienschein, der hier mit Erfolg verbunden ist, ein wenig „nebelhaft“ die negativen Eigenschaften eines Menschen, die hier mit zum Erfolg beitragen.

Man muss im Motorsport erfolgshungrig, autoritär und kompromisslos sein. Der Einfluss der Marketing-Schulungen auf „moderne junge Rennfahrer“ verschüttet gerade jene Eigenschaften, die einen „wirklichen Rennfahrer“ ausmachen. - Wer sagt das mal den „Marketing-Fuzzis“?

Den Negativ-Touch eines „Alphatieres“ kann man schon mildern, indem man sich selbstkritisch gibt, Initiative zeigt und selbstbewusst ist. Das ändert aber nichts daran, dass ein guter Rennfahrer, wenn man ihn mit „normalen Maßstäben“ misst, meist negativ empfunden wird. Vor allen Dingen dann, wenn seine Basis-Eigenschaften als „Alphatier“ noch nicht durch eine entsprechende Erfahrung eine „Glättung“ und Ergänzung erfahren haben.

In der Tierwelt sind „Alphatiere“ sehr oft die größeren, stärkeren, älteren und damit erfahreneren Tiere. Aber nicht bei allen Tierarten. Es gibt Herdentiere, bei denen immer (!) weibliche Tiere die Herde führen, die Richtung vorgeben, „Alphatiere“ sind. - In der Tierwelt gibt es übrigens keine Frauenquote!

„Alphatiere“ handeln sehr oft nach Instinkt, der wieder durch ihre Erfahrung geschärft wurde. Und „Alphatiere“ kennen Angst, weil die z.B. auch eine Schutzfunktion hat.

Ich erinnere mich, einen jungen deutschen Rennfahrer gekannt zu haben, der alle Anlagen hatte, zu einem „ganz Großen“ zu werden. Zu einem perfekten „Alphatier“ fehlte ihm aber eben dieses Angstgefühl. - Er wusste nicht was das war. - Deswegen ist er sehr früh gestorben.

Im Moment gab es nach dem Rücktritt von Nico Rosberg mal wieder Gelegenheit, über gute Rennfahrer – und was sie dazu werden lässt – ein wenig nachzudenken. Ich habe gelächelt, als zunächst dazu überall von einer Chance für Pascal Wehrlein die Rede war.

„Toto“ Wolff und Niki Lauda wären für ihre Position ungeeignet, wenn sie daran auch nur einen Gedanken verschwendet hätten. Einige wenige Leser und Freunde und Bekannte aus meinem engeren Umfeld wissen, dass ich über die ganze Zeit nur einen einzigen Namen genannt habe, der als „Abrundung“ des Mercedes-Teams neben Lewis Hamilton eine Chance bekommen sollte: Valtteri Bottas.

Auch der Weg dahin, so wie er sich jetzt abzeichnet, war möglich. Alles andere waren aus den unterschiedlichsten Gründen „Kinderwünsche“, auf die man als verantwortlicher Entscheider keinen Gedanken verschwenden sollte.

Bottas ist zwar noch kein „Alphatier“, hat aber alle Anlagen dazu. Er wächst in den nächsten Rennen weiter in diese Richtung. In diesem Fall ist Lewis Hamilton für Valtteri Bottas der richtige Kollege, „Lehrer“, Maßstab.

Bei Mercedes würde man gut daran tun, in der nächsten Saison nicht die Weichen in die eine oder andere Richtung zu stellen. Man sollte sich darauf beschränken, beiden Rennfahrern optimales Material zur Verfügung zu stellen und den Funkverkehr während der Rennen minimieren.

Gut wäre, wenn „Toto“ Wolff und Niki Lauda in der 2017er Saison nur das entscheiden würden, was für erfolgreichen Rennsport notwendig ist. Marketing, sollte die andere Seite der Plakette sein. Er darf weder die Ergebnisse noch den Sport – den Motorsport – insgesamt verfälschen.

Damit wären wir dann eigentlich bei einer „Schwäche“ unserer Industrie. Es gibt dort zu wenig wirkliche „Alphatiere“, sondern immer mehr solche, die als solche akzeptiert werden, aber keine sind. Dazu gehört eben, dass man kurzfristig schnelle Entscheidungen treffen kann, wie sie auch im Motorsport in Bruchteilen von Sekunden gefällt werden müssen.

In der Industrie sind viele „Falschspieler“ unterwegs, wie z.B. der „Diesel-Skandal“ (der eigentlich mehr ist!) bei der Volkswagen AG zeigt. Andere „Chefs“ sind mehr mit „Hütchen-Spielern“ zu vergleichen, die mit passend gemachten Statistiken – auch solchen, die mit Vorgänger-Statistiken unvergleichlich sind – die Öffentlichkeit (und Aktionäre) über die Realitäten hinweg täuschen.

2017 wird – auch in dieser Hinsicht – sicherlich ein interessantes Jahr werden. Nicht nur im Motorsport – oder dem, was davon übrig geblieben ist.

Die DTM wird da zum Negativ-Beispiel; die TCR dagegen kann als positiv empfunden werden.

Wir haben in den nächsten Tagen hoffentlich Zeit, noch einmal über alles – auch unsere private Situation – kritisch und selbstkritisch nachzudenken.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern von Motor-KRITIK:

Ein besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in‘s Neue Jahr!
Wilhelm Hahne
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