Gefühl- + geschmack- + ahnungslos = ?

Es gibt Dinge, die lassen sich nicht errechnen. Man lernt sie auch nicht in der Schule, denn sie verlangen einem mehr ab, als eine Gleichung mit mehreren Unbekannten. - Man kann sie nur erleben. Motor-KRITIK hat den Moment verpasst, bei den Ersten zu sein, die ihr Unverständnis äußern konnten, nachdem der ADAC am Freitag, dem 21. April 2017 in seiner Lounge überhalb der Boxengasse am Nürburgring zu einer Pressekonferenz eingeladen hatte. Ich hatte leider absagen müssen, da ich schon Wochen vorher die Einladung zu einem 60. Geburtstag angenommen hatte. Der ADAC hatte in seiner Einladung geschrieben: „Gemeinsam mit Vertretern von Organisation und den TV-Partnern RTL und RTL Nitro präsentieren wir außerdem an diesem Abend eine sehenswerte Neuerung, auf die Sie gespannt sein dürfen. Nach einem Fototermin laden wir zum Flying Dinner ein, bei dem es sicherlich Gelegenheit zu informativen Hintergrund- und Einzelgesprächen gibt.“ - Immerhin: Eine „sehenswerte Neuerung“ war angekündigt. Die habe ich dann erst nach meiner Rückkehr von dieser Geburtagsfeier erleben können. - Und war – zugegeben – einigermaßen fassungslos. Man hat auf dieser Pressekonferenz informiert: „Ab seiner 45. Auflage erhält das 24h-Rennen ein neues Logo. Neuer, zeitgemäßer Look sorgt für frischen Wind. Klassische ‚24h-Hand‘ bleibt im Logo der ‚ADAC 24h-Classic‘ erhalten.“ - Dazu fällt mir nur spontan als Titel ein:

Gefühl- + geschmack- + ahnungslos = ?

Wenn man einige Jahrzehnte in der Branche und im Motorsport unterwegs ist, hat man schon vieles erlebt. Auslöser von Überraschungen waren oftmals Einzelpersonen, aber auch Firmen oder Organisationen. Eine solche „Organisation“ kann auch ein e.V. wie der ADAC sein. Auch schon mal in Verbindung mit Einzelpersonen.

Mir fällt da ein Rennleiter ein, der – es ist Jahrzehnte her – mal den damaligen Mercedes-Chef, Prof. Werner Breitschwerdt, der 1984 das Rennen der Evo-Mercedes zur Eröffnung des neuen Grand-Prix-Kurs starten sollte, mit „Herr Breitschwanz“ ansprach und hinter die Leitplanken der neuen Strecke verwies. - Das wäre ein Beispiel für geschmacklos.

Ich hatte den gleichen Rennleiter vorher schon mal erlebt, der morgens vor einem großen Motorrad-Rennwochenende auf der Nürburgring-Nordschleife von seinen Mitarbeitern erfuhr, dass Barry Sheene sich weigern würde zum Start anzutreten, wenn man ihm nicht „seine Startnummer“, die 7 zuteilen würde. Der Veranstalter hat ihm eine andere zugewiesen. - Das war gewissermaßen gefühllos, denn jeder wusste… - Aber dieser Rennleiter wohl nicht. Und nur widerwillig hat er dann zugestimmt, was eigentlich nicht seiner Art entsprach. Es war wohl der Rest-Alkohol, der ihn an diesem frühen Morgen so gnädig stimmte.

An diesem 21. April 2017 – am späten Nachmittag - waren es dann gleich mehrere „Leiter“, die dann ein Beispiel dafür lieferten, wenn man nicht nur gefühl- und geschmacklos, sondern auch noch ahnungslos ist. Sie stellten ein neues Logo für das 24-Stunden-Rennen vor, dass es nun seit 45 Jahren gibt. - Das Logo auch. - Interessant ist, dass man nicht versäumt hat, einen besonders wichtigen Mann in diesem Zusammenhang der Öffentlichkeit näher zu bringen. Bildunterschrift: „Peter Lauterbach (_wige), Rennleiter Walter Hornung und Mirco Hansen (ADAC, v. L. n. R.)“

Das neue Logo soll offenbar den Beginn einer neuen Zeitrechnung für das 24-Stunden-Rennen dokumentieren. Der ADAC Nordrhein meint dazu in seiner Presse-Mitteilung:

„Das in mehreren Varianten entwickelte Logo verleiht dem Event der Superlative nicht nur einen zeitgemäßen Auftritt. Es wurde auch notwendig, weil sich die seit dem ersten 24h-Rennen im Jahr 1970 genutzte Bildmarke in vielen technischen Anwendungen nur noch eingeschränkt als verwendbar erwies. In der Hauptvariante, die künftig etwa auf der Homepage und vielen Druckwerken verwendet wird, signalisiert darüber hinaus ein kräftiger Grünton die Verbundenheit zum Austragungsort – der ‚Grünen Hölle‘ im Herzen der Eifel.“

Es mutet wie ein Scherz an, dass dann den Teilnehmern an der Pressekonferenz ein Stick überreicht wurde, dem man – nachdem man den Inhalt auf den Computer übertragen hat - alles Wichtige zum neuen Logo entnehmen kann, auf dem aber das alte Logo (ohne Hand) Verwendung findet. - Und ein „blaues Beispiel“ für das neue Logo! - Wenn nicht GRÜN, dann eben BLAU!

Wie ich schon am Samstag feststellen konnte, war ich nicht nur alleine geschockt. Es gab in den „Sozialen Medien“ jede Menge Kritik, die man auch als „emotionale Äußerungen“ bezeichnen könnte, wenn man selbst mehr der sachlichen Kritik zuneigt.

Es hat gerade in letzter Zeit eine Reihe von Logo-Erneuerungen (oder Überarbeitungen) bei Firmen gegeben, die man sicherlich unter „Fehlleistungen“ einordnen kann. Aber die Leistung, die hier wohl auf Anregung eines Dienstleisters (-wige) entstand, ist nach meiner Einschätzung bisher ohne jedes Beispiel.

Das bisherige Logo stand wie ein Symbol für ein vor Jahrzehnten für den Tourenwagensport entwickeltes Langstreckenrennen, das in dieser Art ohne Beispiel war. Der Charakter dieses Rennen hat sich aber über die Jahrzehnte deutlich verändert.

Da war man wohl nun beim ADAC Nordrhein der Meinung, dass man dieser Entwicklung, die zuletzt deutlich von den GT3-Sportwagen bestimmt wird, mit einem neuen Logo Rechnung tragen sollte. Das neue Logo veranschaulicht deutlich in bildlicher Form, was die Fans auch so empfinden:

Nicht nur das Reglement zur Veranstaltung, auch das Logo ist in Details nur schwer verständlich, erschließt sich nicht sofort.

Reglement wie Logo sollten dagegen leicht verständlich, in gewisser Weise simpel sein. Beispiel: Versuchen Sie mal nicht nur die „4“ zu sehen, sondern auch noch das „H“ zu erkennen, das wohl für „hour“ (= Stunden) stehen soll. Dieses Wort wird aber – weil englisch – klein geschrieben. So war es auch im alten Logo richtig dargestellt.

Die drastische Änderung eines über viele Jahre erfolgreichen – weil informativem – Logos ist ungewöhnlich. Bedeutende Logos wurden in den vergangenen Jahren immer nur mit kleinen Änderungen der „modernen Zeit“ angepasst. Das „Coca Cola“-Logo ist dafür ein gutes Beispiel.

Damit verglichen ist die Änderungen des „24h“-Logos ein schlechtes Beispiel. Und das aus den verschiedensten – auch fachlichen – Gründen. Unterschiedliche Schriftarten, eine unterschiedliche Kursiv-Stellung, in unterschiedlichen Publikationen unterschiedliche Farben… - es gibt wenig Fehler, die die „neuen Macher“ vergessen hätten.

Und die Fans sind „sauer“. Sie protestieren gegen das Logo – und damit auch gegen eine Entwicklung eines Rennens in eine Richtung, die der ursprünglichen Vorstellung – auch die der Fans – nicht entspricht.

Es haben sich sogar Fans in einer Gruppe zusammen geschlossen, um gemeinsam gegen diese gewaltsame Änderung eines Logos mit einem klaren „NEIN“ dazu protestieren. Aber es gibt auch viele Darstellungen Einzelner, die insgesamt Gewicht haben sollten. Dazu hier nur ein paar Beispiele für Hunderte! (Die Gruppe „NEIN zum NEUEN LOGO“ hat bisher allein schon über 300 Mitglieder!)

Gestern – am Sonntag – ist ein „Qualifying“-Rennen als Vorläufer zum 24h-Rennen zu Ende gegangen, das in einigen Details deutlich gemacht hat, dass das kommende 24h-Rennen nicht von der Art früherer Rennen dieser Art sein wird.

Um die GT3 auf der Nürburgring-Nordschleife – im Sinne der Industrie (!) - zu erhalten, hat der DMSB „Sicherheitsmaßnahmen“ eingeführt, die der Öffentlichkeit das Gefühl vermitteln sollten, dass man in erster Linie – auch in Zukunft – auf Sicherheit bedacht sein wird.

(Zum Thema „DMSB-Nordschleifen-Permit ist hier schon eine Geschichte erschienen, die bisher ohne jedes Echo blieb!)

Man hat zu diesem Zweck:

  • Die Bodenfreiheit der GT3 erhöht, damit den Abtrieb vermindert und entsprechende Kontrollmaßnahmen zu Papier gebracht, mit der dieses neue Reglement überwacht wurde. - In der Praxis wurde das bisher nicht umgesetzt!
  • Man hat ein „Musterreifen-Prozedre“ geschaffen, das ebenfalls den Eindruck vermitteln sollte, das dem DMSB an einer Beschränkung – in diesem Fall – der Kurvengeschwindigkeit gelegen ist. - Hier in Motor-KRITIK habe ich schon erklärt, dass das nur auf dem Papier passiert, in der Praxis jedoch nicht erfolgt.

Beim gerade durchgeführten „Quali-Rennen“ als Vorgeschmack auf das 24h-Rennen wurden z.B. exakt 79 Reifen bei Box 3 hinterlegt. - Aber nichts überprüft. Weil das a) nichts bringen und b) die Bekanntgabe des endgültigen Rennergebnisses um zwei Wochen verzögern würde.

Mit anderen Worten: Der DMSB scheint in der Hand der Industrie befindlich, was z.B. auch durch die Person des Präsidenten dieses e.V. dokumentiert wird. Gerade das „Musterreifen-Prozedre“ zeigt deutlich die Ohnmacht des DMSB, der sich nur in der Lage sieht, immer nur „nach unten zu treten“. Zur Industrie scheint eine gewisse Abhängigkeit zu bestehen. Jede der beteiligten Reifenfirmen zahlt offensichtlich gerne die 2.500 Euro pro Saison, die der DMSB als „Hersteller-Lizenz“ deklariert.

Weil das so lukrativ ist, gibt es beim DMSB intern Überlegungen… - Motor-KRITIK wird zu gegebener Zeit darüber informieren.

Nur die Industrie bestimmt, wann die GT3 – wie vorher schon Formel-Wagen und „Gruppe C-Fahrzeuge“ - von der Nordschleife verbannt wird. Man arbeitet mit Hochdruck dort am „Nachschub“, der sicherlich mit GT4 benannt werden soll, weil man begriffen hat, dass man die GT3 trotz aller „guten Verbindungen“ nicht mehr lange auf der Nordschleife halten kann.

Beim „Qualifying“-Rennen am Wochenende war ein solch‘ neues GT4-Fahrzeug von BMW zum ersten Mal im Einsatz. Ein BMW M4 GT4. An Details – die im Vorfeld des Rennens noch schnell korrigiert wurden – ist auszumachen, dass hier keine Kenner ein neues, perfektes Sport-Werkzeug vorbereiten, sondern dass man „auf die Schnelle“ versucht, für „Nachschub“ zu sorgen.

Zum 24h-Rennen (25. - 28. Mai 2017) wird dann auch erstmals – als Konkurrenz zum BMW M4 GT4 – der neue Audi R8 LMS GT4, der vor Kurzem auf der Auto-Show in New York vorgestellt wurde, dann von erfahrenen Werks-Rennfahrern einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert werden. Es wird ab Ende 2017 ausgeliefert werden, damit man es in der Saison 2018 einsetzen kann.

Bei der VLN versucht man zwar diese GT4-Klasse (SP10) den Amateuren vorzubehalten, indem man z.B. „Platin“-Lizenznehmern (nach FIA-Reglement) eine Teilnahme auf GT4-Fahrzeugen untersagt und Einheitsreifen vorschreibt. - Aber… - Warten wir‘s ab!

(Motor-KRITIK wird zu diesem Thema später noch aus anderer Sicht informieren!)

Beim 24-Stunden-Rennen werden jedenfalls Werks-Rennfahrer die neuen GT4 präsentieren! Und zum 3. VLN-Lauf im Juni wird es dann wahrscheinlich schon wieder eine neue Cup-Klasse geben, weil es den kleinen österreichischen Hersteller eines GT4 gibt, der sein Fahrzeug nicht zu einem „Spielzeug der Großen der Industrie“ werden lassen möchte.

Man ist sich bewusst, dass man durch eine Teilnahme in der SP10 durch Industrieinteressen beeinflusst und vom ADAC über den von ihm wiederum beeinflussten DMSB lanciert, dann durch eine „BoP“ (Balance of Performance) plus Einheitsreifen die „A….-Karte“ gezogen hätte.

Irgendwie verkommt so der Motorsport, der auch mal die Leistung der einzelnen Automobilhersteller widerspiegelte, mehr und mehr zu so einer Art „Marketing-Präsentation“. Wobei – wenn sich einmal die neuen GT4 genauer betrachtet, die derzeit im Angebot sind – man diese "neue Kategorie" auch so sehen kann:

  • Diese neue „Spielart GT4“ ist eigentlich nichts anderes, als die GT3-Kategorie der Sportwagen ursprünglich einmal sein sollte: Seriennah nämlich.

Die Werke haben sich ihr GT3-Spielzeug selbst zerstört und durch eine „innovative Entwicklung“ in Preisdimensionen verschoben, die für einen normalen Motorsportler unerreichbar sind. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, mit welchem Aufwand einzelne Werke auch den Verkauf größerer Stückzahlen ihrer GT3-Modelle auch nur durchsetzen konnten!

Die Entwicklung des Motorsports in Deutschland ist schon „ein wenig krank“. Sie krankt nicht nur an Funktionären, die unter Selbstüberschätzung leiden, sondern auch unter den Eingriffen der Industrie, die dort oft von Mitarbeitern vorgenommen werden, die wirklich – was den Motorsport und seine Ansprüche betrifft – keine Ahnung haben. - Vielleich auch nur zu wenig davon.

Auf der Seite der Veranstalter gibt es die gleiche Entwicklung; sie wird auch von der Gier nach Geld und Gewinnen mit bestimmt. Hier in Motor-KRITIK hat es dazu erst vor Tagen eine Geschichte gegeben, die ein Teil dieser Entwicklung ist. („Einheits-Reifen-Prozedre: Ein Geschäft?“, vom 20. April 2017)

In dieses Bild passt natürlich das „neue Logo“ des ADAC Nordrhein zum 24h-Rennen, das in diesem Jahr zum 45. Mal durchgeführt wird.

Ein Logo sollte immer die Philosophie widerspiegeln, die dahinter steht, sie auch dem flüchtigen Betrachter verdeutlichen! - Das ist den „neuen Machern“ dann auch hervorragend gelungen. Jemand der noch nicht begriffen hat, was eigentlich aus dem Motorsport in Deutschland über die Jahrzehnte geworden ist, wird bei einem Vergleich von altem mit neuem Logo schlagartig klar: Ach so ist das!

  • „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte!“

Mit diesem Logo wird auch eine Botschaft transportiert. Und das Echo in den „Sozialen Medien“ zeigt, dass sie angekommen ist.

Aber ob das deren Macher auch verstehen? -

Natürlich könnte man jetzt über die Problematik diskutieren, die in der Schwierigkeit liegt, ein Logo mit Foto stufenlos zu skalieren. Aber man sollte in Köln begreifen, dass es Dinge gibt, die man nicht verändern sollte.

Dazu gehört sicherlich das alte Logo zum 24h-Rennen am Nürburgring.

MK/Wilhelm Hahne
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