Uli Hoeneß & Kurt Beck: Gleiches Niveau?

Gleich welchen Radio- oder Fernsehsender man derzeit bemüht, welche Zeitung oder welche Zeitschrift man liest: Uli Hoeneß wird in allen Lebenslagen – und mit zur Geschichte passenden Bildern – den Sehern, Hörern, Lesern vorgestellt. Entsprechende Beiträge über Kurt Beck vermisst man. Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen den „rechtsfreien“ Handlungen, die von Uli Hoeneß und Kurt Beck vorgenommen wurden? - Geht es nicht immer um „Steuergeld“? Der eine hat es nicht gezahlt, der andere hat damit herumgeschmissen (oder damit herumwerfen lassen) und es praktisch vernichtet. Hoeneß hat auf ein Abkommen zwischen der Schweiz und Deutschland gesetzt, das nicht zustande kam. Kurt Beck hatte – z.B. beim Projekt „Nürburgring 2009“ - wohl als Einziger das Finanzierungsprojekt seines Finanzministers verstanden und auf die Umsetzung vertraut, wegen dem (u.a) dieser Minister jetzt vor Gericht steht. - Ist Kurt Becks Versagen, sind seine Handlungen, bzw. die, die er zu verantworten hat, geringer als die eines Uli Hoeneß? - Die Frage ist:

Uli Hoeneß & Kurt Beck: Gleiches Niveau?

Hoeneß vertraut im Moment der Arbeit seiner Anwälte, die – wahrscheinlich mit Blick auf das BGB (Geschäftsführung ohne Auftrag) - unbekannten Staatsanwälten (oder anderen) Bruch des Steuergeheimnisses vorwerfen. Kurt Beck vertraut auch auf die Arbeit seiner anwaltlichen Berater, die im Hintergrund der unterschiedlichen Verfahren (Insolvenz-/Beihilfe-) ihre Strippen ziehen, an denen die unterschiedlichsten Figuren in Politik und auch Medien hängen.

In beiden Fällen versucht man das Interesse der Öffentlichkeit von den Hauptfiguren abzulenken.

In einem Fall (Hoeneß) wird suggeriert, dass nur durch das Scheitern des Steuerabkommens zwischen der Schweiz und Deutschland ein Uli Hoeneß in die jetzt entstandene fatale Situation gebracht wurde, denn er hätte ja sonst... -

Im anderen Fall ist eine „ersehnte“ (schreibt die „Rhein-Zeitung“) Privatfinanzierung gescheitert, für die es eigentlich zu keinem Zeitpunkt der Planung von „Nürburgring 2009“ eine Basis gab. Es gab niemand aus Handel und Industrie, der das Projekt als wirtschaftlich vernünftig empfunden hätte. - Man hat das Projekt so lange mit Teil-Baugenehmigungen voran getrieben – ohne dass eine Gesamtfinanzierung klar war! - bis dass das Projekt nicht mehr zu stoppen war. - Bauruinen drohten und es wäre eine klare, eindeutige Schuldzuweisung möglich gewesen.

Das war das „Klima“, in dem sich solch empfindliche Gewächse wie z.B. Kai Richter (u.a.) vom Eigner einer 25.000 Euro-GmbH (11.11.2004) hin zum Privatinvestor für ein Millionenobjekt entwickeln konnten. - Der Öffentlichkeit vorgestellt von einem engen Vertrauten des Ministerpräsidenten Kurt Beck: Finanzminister Ingolf Deubel. - Richter hat diese Klima-Chance genutzt. - Bis hin zur Liegeplatz-Nummer auf Mallorca.

Wenn jetzt die Insolvenz-Sachwalter davon ausgehen (lt. „Rhein-Zeitung), „dass sich mit einem professionell gemanagten Ring richtig Geld verdienen lässt“, dann lässt das nur den Schluss zu, dass die Herren sicherlich gute Rechtsanwälte und „Sachwalter“, aber bestimmt keine erfahrenen Kaufleute sind. Das durch die Fehlleistungen von Politikern und ihren Helfeshelfern entstandene neue Gesamtpaket Nürburgring, wird sich in der entstandenen Form und Größe niemals wirtschaftlich betreiben lassen.- Auch nicht mit Achterbahn.

Man hat Mängel beim System von Test- und Rennstrecken versucht durch die Schaffung von Überkapazitäten auf einem anderen Gebiet (Tourismus) auszugleichen, was dann zu Werttbewerbsverzerrungen führte. - Und heute versuchen Unkundige (aber Clevere!) „Dumme“ davon zu überzeugen, dass das eine hervorragende Mischung ist.

Die Insolvenz-“Abwickler“ arbeiten mit Hilfe eines weiteren „Unkundigen“ im Nürburgring-Geschäft (Petro Nuvoloni) am Aufbau von „potemkinschen Dörfern“. Die „Grüne Hölle“, die Gruppierung von Hotel, Restaurants und Vergnügungsstätten, die wohl mal als zusätzliche „Melkmaschine“ für Nürburgringbesucher gedacht war, hat sich allerdings bisher nur als zuverlässige Einnahmequelle für österreichische Unternehmer entwickelt. Erst beim Aufbau, nun bei der Renovierung.

Gegen Hoeneß wurde wegen der persönlich falschen Einschätzung seiner Steuersituation (oder wie soll man das umschreiben?) ein Haftbefehl gegen eine Kauktion von unbekannter Höhe zunächst mal ausgesetzt. Jetzt arbeitet die Zeit.

Kurt Beck lenkte mit einer Insolvenz seiner Landesfirma vom desolaten Gesamtzustand der „Erlebnisregion Nürburgring“ (so war das Projekt zunächst mal benannt) ab und man ließ zur Sicherheit noch einen Prozess (über mindestens 100 Prozesstage) anlaufen, mit dessen Abwicklung auch das Interesse der Öffentlichkeit am Projekt „versanden“ soll. - Eigentlich hängt das Thema Nürburgring selbst den direkt Betroffenen inzwischen „zum Hals heraus“.

Kurt Beck findet als Person in der Öffentlichkeit – und in Verbindung mit dem Nürburgring - garnicht mehr statt. Selbst die von ihm zu seiner Zeit als Regierungschef verpflichteten Berater arbeiten nur still im Hintergrund. Und der Öffentlichkeit suggeriert man einen Zeitdruck, unter dem nun der Verkauf des Nürburgrings erfolgen muss. Weil die EU das so will. - Sagt man.

Veranlasser dieser hektischen Aktivitäten ist keine Person – wie wir gerade erfahren durften – sondern der einstimmige Beschluss eines Gläubigerausschusses. Dem folgt der Insolvenzgeschäftsführer nun gerne. - Alles passt, bzw. wurde auf richtige Art passend gemacht.

Weil die Nürburgring GmbH – schon seit Februar 2012 insolvent – nun noch eine Forderung der EU in Brüssel zu erfüllen hat? - Sonst wird der Ring stillgelegt?

Eine insolvente Firma wird zur Kasse gebeten! - Was hat die mit dem so genannten „Beihilfeverfahren“ der EU zu tun?

Wenn jemand gegen irgendwelche Beihilfebestimmungen verstoßen hat, dann ist dies das Land Rheinland-Pfalz. - Hat man etwa bewusst dagegen verstoßen, um sich über diesen „Umweg“ vom Projekt Nürburgring zu trennen? - Dass die Nürburgring GmbH zufällig eine Firma des Landes war, es durch die „Beihilfe“ des Landes so zu Wettbewerbsverzerrungen kam, ist nicht der EU anzulasten. Dass das Land Rheinland-Pfalz sich bei dieser Gelegenheit vom Nürburgring trennen will, aber schon einem Kurt Beck, der für seine Partei (SPD) für die nächsten Wahlen bessere Voraussetzungen schaffen will. Wie auch die fliegende Übergabe seiner Regierungsaufsicht an eine Frau beweist, die vielleicht so das Vertrauen der Wähler bis zum Wahltag in die SPD wieder herstellen kann.

Die Bauchspeicheldrüse macht's möglich. - Und niemand merkt, dass das alles nach Drehbuch abläuft?

Je weiter man über Details auf dem Weg in die Katastrophe für eine ganze Region nachdenkt, umso mehr driften die Fälle Beck und Hoeneß auseinander. Im Fall Beck gibt es auch mehr Eingebundene. Hat nur ein Ingolf Deubel schuld an dem Dilemma, das hier in der Eifel entstanden ist? Was ist mit Hendrik Hering, der z.B. die Pachtverträge zu verantworten hat, deren (Un-)„Wert“ von den Verantwortlichen scheinbar erst im Nachhinein begriffen wurde?

Wie groß ist die Verantwortung des damaligen Aufsichtsrats-Gremiums? - Zeigen nicht schon die unvollkommenen Protokolle der Aufsichtsratssitzungen – die von deren Mitgliedern unbeanstandet blieben – auf, dass schon in dieser Phase die Zeit der Verschleierungen von Fehlleistungen begonnen hatte?

War nicht auch der später eingesetzte Untersuchungsausschuss im Mainzer Landtag einfach nur ein „Dämpfer“, mit dem „auf Zeit gespielt“ wurde?

Nein, die Fälle Hoeneß und Beck sind unvergleichlich. Im Fall Beck (den ich so nenne, weil Beck als Ministerpräsident zwar nicht alles selbst machen konnte, aber alles zu verantworten hatte) sind die Außmaße der Katastrophe am Ende einer mehrjährigen Zeitphase wesentlich bedeutender – und das für eine große Zahl von Menschen – als das jemals im beim Vergehen des Uli Hoeneß der Fall sein kann.

Wobei eine ganze Reihe von Beratern am Projekt „Nürburgring 2009“ z.T. Millionen verdient haben. Und noch verdienen. Einschließlich der Insolvenz-Sachwalter. Die Millionen-Pleite am Nürburgring war für eine ganz Reihe von Leuten ein Millionen-Geschäft. - Und ist es heute noch. - Wer zahlt hier eigentlich? - Mit welchem Geld wird hier bezahlt?

Das unterscheidet die Fälle Beck und Hoeneß voneinander. Darum sollte man sich auch nicht durch den sicherlich empörenden Fall Hoeneß vom eigentlich noch empörenderen Fall Beck ablenken lassen.

Kurt Beck entschuldigt sich höflich und zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück.

Auch andere Darsteller im Nürburgring-Theater sind von der sonst gut ausgeleuchteten Bühne abgetreten. Vor dem Landgericht Koblenz wird wegen „Untreue“ verhandelt. Hat es tatsächlich bei diesem Nürburgring-Projekt keine Fälle von Korruption gegeben?

Im Steuer-Fall Hoeneß sicherlich nicht. Bei der skandalösen Abwicklung von „Nürburgring 2009“ wäre ich mir da nicht so sicher. - Aber bis heute gab es da durch die verantwortlichen Aufsichtsbehörden (ich rechne die Staatsanwaltschaft dazu) auch nicht den Hauch einer Andeutung.

??? - ??? - ???

Gute Arbeit! - Fragt sich nur: Von wem?

„Nürburgring 2009“ ist das politische Gesamtkunstwerk eines Polit-Orchesters unter der Oberleitung von Kurt Beck. Es ist aber nicht die Arbeit eines einfarbigen politischen Netzwerks. Der Fall Hoeneß ist dagegen nur das persönliche Fehlverhalten eines Einzelnen.

Beide haben allerdings eine Gemeinsamkeit: Selbstüberschätzung.

MK/Wilhelm Hahne
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