CNG: Mit eigenem Geschäftsmodell?

Der Hinweis darauf findet sich im EU-Beschluss und sollte daher auch umgesetzt werden müssen. Dumm nur, dass die Pläne zum „eigenen Geschäftsmodell“ entstanden, als noch der Eigner von Capricorn, Robertino Wild, innerhalb der Firma des Bieters eine Rolle spielte. Der wurde ersetzt – bzw. ersetzte sich selbst (!) - durch einen bedeutenden Investor aus Russland. Im Interesse der Landesregierung von Rheinland-Pfalz versuchen die Insolvenz-Sachwalter zunächst eine Firmenhülle zu erhalten, um einen vorhandenen EU-Beschluss nicht zu einer Farce werden zu lassen, vergessen dabei aber wohl ganz, dass auch andere Forderungen der EU, die sich in deren Beschluss vom 1. Oktober auf den Nürburgring-Käufer Capricorn beziehen, nun auch Punkt für Punkt erfüllt werden müssen. Das wird für den neuen russischen Investor nicht nur ein teures, sondern – nicht nur darum – auch kein Vergnügen, weil das „eigene Geschäftsmodell“ offenbar von Träumern – oder anders formuliert – von im Motorsport unerfahrenen Kaufleuten entwickelt wurde, denen zwar die unterschiedlichen Rechenarten sehr vertraut sind, aber die die Zusammenhänge im Motorsport-Geschäft nicht überblicken. Motor-KRITIK hat mit der Veröffentlichung des EU-Beschlusses in deutscher Sprache zwar jedem Leser die Möglichkeit gegeben sich umfassend zu informieren, muss jedoch feststellen, dass nicht jeder der lesen kann sich auch die Zeit nimmt, 99 Seiten nicht nur „quer zu lesen“, sondern intensiv – einschl. der interessanten „Fußnoten“ - durch konzentriertes Lesen in sich aufzunehmen und mit dem Wissen aus eigener Erfahrung abzugleichen. - Sonst käme es in diesen Tagen wohl nicht so häufig zu einer Frage an Motor-KRITIK, die hier zum Titel des Beitrages wurde und in dieser schlichten Form für die sich daraus ergebenen vielfältigen Fragestellungen steht:

CNG: Mit eigenem Geschäftsmodell?

Peter Meyer, Chef des bedeutenden ADAC-Regionalklubs „Nordrhein“ (Köln) fühlte sich sicher und aus seiner Position heraus überlegen, als er vor Wochen einen interessanten Besucher begrüßte: Viktor Kharitonin, den neuen „Roten Bullen“ an der Spitze des seit dem 11. März 2014 ins Spiel gekommenen Capricorn-Käufers. - Capri war das Korn ausgegangen.

Peter Meyer glaubte sich gut in Szene setzen zu können, wenn er den neuen „Capricorn-Machthaber“ allein empfing. Eigentlich plante der Geschäftsführer der CNG, (wahrscheinlich) verantwortlicher Betreiber des Nürburgring ab 1. Januar 2015, Carsten Schumacher, zusammen mit Viktor Kharitonin einen Besuch in Köln zu machen. Aber Peter Meyer spricht nicht unbedingt mit Jedem. Schließlich war er auch mal Präsident des mächtigen ADAC insgesamt und er hatte aus jener Zeit noch Kontakt zu Jürgen Großmann, dem neuen Aufsichtsratsmitglied der russischen AG, die mehrheitlich die Anteile an der capricorn NÜRBURGRING Besitzgesellschaft (dem wahrscheinlichen Käufer des Nürburgrings) hält.

Also hat er Carsten Schumacher – der sich wohl selbst eingeladen hatte - wieder ausgeladen. Meyer empfand Carsten Schumacher – so wird das „von außen gesehen“ – wohl nicht als einen Gesprächspartner, mit dem man „auf Augenhöhe“ spricht. Schließlich kennt er Jürgen Grossmann gut, Viktor Kharitonin ist der „Chef von's Ganze“ - was sollte da ein kaufmännischer Angestellter das Niveau verwässern?

Ein Fehler, eine Fehleinschätzung, wie sich im Laufe der nächsten Zeit noch erweisen wird. Denn Carsten Schumacher ist der Mann, der die Bedingungen des EU-Beschlusses umsetzen, erfüllen muss, wenn das inzwischen sehr brüchig wirkende Konstrukt aus Brüssel nicht in sich zusammen fallen soll. Und da gibt es in dem EU-Beschluss – derzeit noch ohne Bestandskraft - interessante Stellen, die Peter Meyer aber nicht kennen konnte, weil zu diesem Zeitpunkt Motor-KRITIK die (allein gültige -!!!-)  deutsche Fassung dieses Dokuments noch nicht veröffentlicht hatte.

Dort ist z.B. auf Seite 80 (Absatz 236) zu lesen:

„Neue Verträge für die Zeit ab 1. Januar 2015 werden von der vom Erwerber gegründeten Betriebsgesellschaft mit den Kunden und Lieferanten verhandelt und abgeschlossen. Dabei werden neue Vertragspartner angesprochen. Capricorn beabsichtigt, selbst eine Reihe von Veranstaltungen zu organisieren, anstatt die Rennstrecke an externe Veranstalter zu vermieten.“

Vor dem Hintergrund dieser vertraglichen Verpflichtung werden inzwischen auch erste Gespräche im Hinblick auf motorsportliche Veranstaltungen in 2016 geführt. Dabei sind noch ein großer Teil solcher Verträge für 2015er Veranstaltungen nicht unter Dach und Fach. Dazu gehört z.B. auch das 24-Stunden-Rennen – Veranstalter der ADAC-Regionalklub „Nordrhein“ - das andererseits schon beworben wird, da es am 8. Mai 2015 (oder auch 14. Mai) ausgetragen werden soll. Da es keinen Vertrag gibt, gibt es auch keine Terminsicherheit. - Der Termin wird übrigens von kommerziellen, nicht von Sicherheits-Argumenten bestimmt, die beim Entstehen dieser Veranstaltung mal bestimmend waren, wenn der Termin nahe dem längsten Tag des Jahres gelegt wurde.

Die EU-Wettbewerbskommission hält in ihrem Beschluss vom 1. Oktober 2014 ausdrücklich fest...

„...dass der Gegenstand künftiger Tätigkeiten von Capricorn sich beträchtlich von denen der Nürburgring-Gruppe unterscheiden wird...“

und man verweist auf „insbesondere Abschnitt 6.1.5“ und es heißt dort (auf Seite 83) sehr schwülstig:

„Das Kriterium der ökonomischen Folgerichtigkeit dient der Beurteilung, ob der Erwerber der Vermögenswerte diese auf die gleiche Weise wie der frühere Eigentümer oder aber für eine andere Tätigkeit oder Strategie nutzen wird.“

Beim Weiterlesen stößt man darauf, dass der neue russische Investor nun wohl in Rolle des bisherigen Besitzers, der Landesregierung von Rheinland-Pfalz gerät: Er wird in Zukunft die entstehenden Defizite ausgleichen dürfen.

In Absatz 256, Seite 84, findet man z.B. im EU-Beschluss die Festschreibung:

„...Zu diesem Zweck plant Capricorn den Bau zusätzlicher Einrichtungen und die Ausstattung der Nordschleife mit HD-Kameras. ...“

Mit diesem Satz wird u.a. eine siebenstellige Investition festgeschrieben, da die Installation der Kameras nicht nur die Verlegung eines Glasfaserkabel rings um die Nordschleife (mehr als 20 Kilometer) voraussetzt, sondern auch eine notwendige Stromversorgung, die nicht nur durch eine entsprechende – noch zu verlegende – Stromleitung erfolgen muss, sondern in die, wegen des sonst auftretenden Spannungsabfalls, Transformatioren zwischengeschaltet werden müssen, bzw. es muss in gewissen Abständen eine Stromzuführung von außen erfolgen.

Bei dieser Gelegenheit sei daran erinnert, dass die CNG per heute kein Rennen ohne „fremde Hilfe“ durchführen kann, da nicht nur interne Glasfaser- und andere Versorgungskabel im Boxen- und Tribünenbereich, der Firma WIGE gehören, sondern auch die komplette Ausstattung der „Race Control“.

Mit der Überweisung von 5 Millionen Euro, die eigentlich per heute erfolgen sollte, wollte eigentlich der Geschäftsführer der CNG, Carsten Schumacher, dann die Verhandlung mit dem bisherigen Besitzer aufnehmen, um die vollkommene Kontrolle über die Rennstrecken zu erhalten, die zum derzeitigen Zeitpunkt nicht gegeben ist.

Bei WIGE liegen übrigens auch die Pläne für die Ausstattung der Nordschleife mit einem Kamera-Überwachungssystem fertig in der Schublade.

In Absatz 257 (Seite 84) wird noch die Zusage des Erwerbers Capricorn (inzwischen ohne Capricorn) festgehalten:

„Außerdem wird sich der Nürburgring nach den Plänen des Erwerbers von einer Tourismusattraktion hin zu einem Technologiecluster und Industriepool wandeln.“

Ein „Industriepool“ scheint nach den letzten Gesprächen mit den Verantwortlichen der einzelnen Automobilhersteller Vergangenheit. Es wird in 2015 keinen Industriepool mehr geben.

Und ob man es im Hotel- und Gaststättengewerbe im Umfeld des Nürburgrings als erstrebenswert empfinden wird, wenn der Nürburgring nach dem „neuen Konzept“ dann keine Tourismusattraktion mehr ist, darf bezweifelt werden.

Von Seiten der Motorsport-Veranstalter arbeitet man inzwischen wieder auf eine Kooperation miteinander hin, man möchte sich nicht – wie das bisher schon mal geschah – auseinander dividieren lassen. Man erinnert sich der Spruchweisheit: „Gemeinsam sind wir stark!“

Wobei den Absichten des Erwerbers...

„..selbst eine Reihe von Veranstaltungen zu organisieren, anstatt die Rennstrecke an externe Veranstalter zu vermieten...“

...noch eine weitere Hürde vorgebaut scheint: Die nationale Sportbehörde DMSB in Frankfurt, die im wesentlichen von den großen nationalen Automobilklubs getragen wird: Wie z.B. dem ADAC!

Wenn man insgesamt einen Eindruck vom derzeitigen Stand der „Vergangenheitsbewältigung“ (Daniel Köbler – GRÜNE - zur Situation) wiedergeben sollte, dann den, dass hier die unterschiedlichsten Gruppen von Amateuren über alle Landesgrenzen hinweg, eng zusammen gearbeitet haben.

Die EU-Kommission stellt in ihrem Beschluss vom 1. Oktober 2014 fest:

„Daher gelangt die Kommission zu dem Schluss, dass im vorliegenden Fall eine Rückforderungsumgehung weder bezweckt wird noch droht und dass die in Rede stehende Vorgehensweise lediglich den Zweck einer geordneten Liquidation verfolgt.“

So lange der Rubel rollt!

MK/Wilhelm Hahne

PS: Zum Stichwort „Liquidation“ noch eine andere Möglichkeit es zu nutzen: Heute, am Nachmittag des 15.12.2014, wurden per Rutsche aus dem oberen Stock des „Hauses A“ am Nürburgring eine Menge Akten in einen 7,5 to. LKW „liquidiert“. - Aber vielleicht brauchen die Unterlagen auch nur eine Luftveränderung. - Oder – um es mit den Worten der EU-Kommission zu sagen – dient „die in Rede stehende Vorgehensweise lediglich dem Zweck einer geordneten Liquidation“. - Oder einem Umzug. - Oder... - Wie auch immer: Wir müssen nach vorne schauen! - Die Zukunft von Gestern müssen wir hinter uns lassen! - Wenn es denn sein muss – mit einer Rutsche.

 

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