Haben Marken-Automobile ihre Identität verloren?

Diese Frage muss man wohl mit JA beantworten. Aus Auto-Persönlichkeiten wurden vielfach Modelle, die sich an den Modellen der anderen Firmen orientieren. Überall ein ähnlicher Misch-Masch, der möglichst viele Interessenten ansprechen soll. Dazu in einer großen Vielfalt von Varianten, weil man möglichst jeden Kundenwunsch erfüllen möchte. Die Marken, die in der Vergangenheit ihre Modelle auf bestimmte Käuferschichten ausrichteten, die gibt es nicht mehr. Jeder bietet alles. „Alles“ garantiert aber nicht unbedingt Niveau, weil es die Ausstattung zwar komplettiert – aber auch gewicht- und preistreibend wirkt. Die Automobile haben inzwischen auch preislich ein ähnliches Niveau erreicht, die dem Käufer Qualität vorgaukelt. Die Grenzen zwischen den einzelnen Marken verschwimmen. Jeder möchte Jedem alles bieten! - Was nicht die „Markentreue“ der Käufer fördert. - Und dann insgesamt zu der Feststellung führen muss:

Marken-Automobile haben ihre Identität verloren!

Heute bestimmt nicht das Streben nach Qualität das Denken der Manager. Da wird eher versucht auf die Frage zu antworten: Wie kann ich bestimmte Teile noch mal in den Produktionskosten drücken? Das soll nicht etwa die Preise für die betreffenden Automobile für den Käufer interessanter machen, sondern soll dem verantwortlichen Manager eine vernünftige Prämie einbringen.

Da ist dann schon mal ein Verantwortlicher sehr traurig, wenn es ihm nicht gelingt, die Fertigungskosten noch mal ein wenig zu drücken. Weil das „Werkstück“ eigentlich schon in vielen Teilen „so günstig“ ausgestattet ist, dass es vielleicht gerade noch die im so genannten „Lastenheft“ vorgegebene Laufzeit noch erreicht. - Mehr geht nicht!

Waren bei den inzwischen aus Klimagründen verpönten alten „Verbrennern“, die Motoren als Antriebsquelle eines Automobils sozusagen noch „Vorzeige-Objekte“, so hat sich das in der „neuen Zeit“ durch die E-Antriebe total geändert.

  • Wer interessiert sich heute noch für die Antriebsquelle eines E-Automobils?

Die Hersteller versuchen das entstandene Desinteresse der Käufer wieder in ein Kaufargument umzuwandeln, indem man E-Automobile mit Leistungen anbietet, wie es sie „früher“ vielleicht mal in der Formel 1 gab.

Dazu gehört dann auch ein „gewaltiges“ Drehmoment, dass den Käufer zum Kauf bewegen soll. Da Automobilverkäufer heute entsprechend „gebildet“ sind, wird auch mit solch großen Zahlen zum Kauf animiert.

  • Wer denkt schon darüber nach, dass man so ein Drehmoment-E-Monster auch im Winter bei glatten Straßen, aber auch auf regennassen Straßen bewegen muss?

Heute scheint die Meinung zu überwiegen, dass „große Zahlen“ im Alltagsbetrieb keinen Nachteil bedeuten.

  • Ist z.B. der Reifenverschleiß bei E-Fahrzeugen mit hohem Gewicht und mit extrem hohen Drehmoment kleiner?

Abgesehen davon, dass die meisten „normalen Fahrer“ bei Automobilen mit besonders hohen Leistungszahlen überfordert sind, wenn sie sie wirklich nutzen.

  • Wenn man aber solche Leistungen nicht braucht und nicht nutzt: Warum kauft man solche Automobile?

Dass durch eine eigentlich “überbordende“ Ausstattung nicht nur die Preise, sondern auch die Fahrzeuggewichte steigen, sollte nicht vergessen werden.

  • Wer braucht eigentlich die ganze Infotainment-Ausstattung in modernen Automobilen wirklich?

Ist ein Automobil mit einem größeren Bildschirm wirklich das bessere Automobil?

Ein Automobilverkäufer ist heute immer weniger zu einem echten Berater ausgebildet worden, sondern primär im Verkauf darauf ausgerichtet, ein „besser ausgestattetes Modell“ zu verkaufen.

  • „Bessere“ Automobile sind heute die, die mit größeren Leistungszahlen aufwarten können!

Bei E-Automobilen scheint auch das Gewicht dazu zu gehören, weil ein höheres Gewicht durch eine schwerere Batterie auch eine größere Reichweite verspricht.

  • Warum spielen E-Automobile eigentlich im Motorsport keine Rolle?

Weil selbst E-Automobile mit Reichweiten von um 500 Kilometer (lt. Prospekt) dann in der sportlichen Praxis nur noch geradezu lächerliche Reichweiten erreichen.

Es genügt den Marketingleuten aber für ihre Zwecke, wenn ein E-Sportwagen eine einzelne Runde auf einer Rennstrecke in einer sensationell kurzen Zeit zurück legt. Das ist das, was man heute in der Werbung braucht.

Schade, dass die meisten Auto-Hersteller nur noch „verwechselbare“ Automobile herstellen. Da ist man als „alter Mann“, mit der Kenntnis von Fahrzeugen „früherer Jahre“ schon froh, wenn man die Automobile einer bestimmten Marke dann nachts an den Rückleuchten erkennen kann.

    • Aber so haben auch die Automobile ihre soziale Bedeutung verloren!

Die Marken-Identität ist auch durch die Firmen-Fusionen verloren gegangen, weil man dann bei den unterschiedlichen Marken die gleichen Plattformen genutzt hat. Es wurde "Badge-Engineering" bis zum Exzess betrieben. So wurden die so kostengünstig zusammen gebauten Automobile dann eigentlich zu „Marken-Attrappen“!

Aber wir stehen inzwischen wieder kurz vor einem Umbruch. Man wird sich erinnern müssen (!), wie toll doch richtige Drehknöpfe sind und richtige Schalter. Irgendwann ist der Moment gekommen, dass der Nutzer von Automobilen erkennt, dass es nicht unbedingt sinnvoll ist einen Lehrgang machen zu müssen, wenn man in Automobilen auf immer größer werdenden Bildschirmen, nach dem Klicken durch die verschiedensten Untermenues, dann endlich die Funktion auslösen kann, wozu früher ein Tastendruck genügte.

Wer sich aktuell mit einem „PS-Protz“ durch den Verkehr bewegt, dem sollte beim Durchklicken durchs Bildschirm-Menue eigentlich schon aufgefallen sein, das die aus einer Mischung von Stadt- und Landstraßenverkehr erreichte Durchschnittsgeschwindigkeit bei 50 km/h liegt.

  • Diese Durchschnittsgeschwindigkeit würde man auch mit einem leichten, relativ PS-armen Automobil erreichen!

Wobei das Fahren mit einem solchen Automobil auch noch Fahrfreude vermitteln kann, weil es den Fahrer nicht konstant überfordert!

MK/Wilhelm Hahne
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