20. November 2015: Lieber Leser!

Im Moment haben die Ereignisse von Paris von anderen Ereignissen abgelenkt, die z.B. für mich - als Motor-Journalist – im Vordergrund stehen. Wie z.B. der „VW-Abgas-Skandal“. „Normale“ Journalisten orientieren sich immer an dem Wichtigeren, Aktuelleren, Spektalulärem. So sind auch für einen „normalen“ Chefredakteur Milliardenverluste berichtenswerter als die von läppischen Millionen. Wer bleibt da schon bei dem, was gerade in der öffentlichen Meinung von Wichtigem zu Unwichtigem zurückgestuft wurde? Der „normale“ Mann „auf der Straße“ muss bedient werden. Das sind -zig Millionen, während doch in Deutschland gerade mal 2,4 Millionen (s. MK-Anmerkung später) Fahrer – oder Besitzer - eines VW-Dieselautomobils vom „VW-Abgas-Skandal“ betroffen sind. Und das öffentliche Interesse „lahmt“ auch irgendwann. Irgendwann interessiert ein Thema nicht mehr. Meine Leser können das sicherlich - am Thema Nürburgring orientiert – nachempfinden. - Aber es ist für einen Journalisten auch nicht einfach seine Leser möglichst objektiv zu einem Thema zu informieren. Motor-KRITIK ist das in Sachen Nürburgring über Jahrzehnte gelungen, weil wir uns von niemandem zu „Medienpartner“ degradieren ließen. - Und wir sind jetzt auch beim „VW-Abgas-Skandal“ bemüht, die „Informationsströme“ zu werten und richtig zu kanalisieren. Das geht so ähnlich wie bei „Aschenputtel“: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“ - Dazu soll es dann nachstehend ein paar Erläuterungen geben. Dann werden Sie, lieber Leser, vielleicht auch verstehen, warum es so schwer ist, zu einem Thema „vernünftige Geschichten“ aufgrund von guten Recherchen entstehen zu lassen. - Ein guter Computer oder ein gutes Archiv genügen einfach nicht. - In der heutigen Zeit gehört sogar noch etwas „Zivilcourage“ dazu. - Man ist nämlich schnell in irgendeiner „Schublade“ abgelegt, um dann – hoffentlich (meinen die anderen) – in Vergessenheit zu geraten.

20. November 2015: Lieber Leser!

Ich mache seit Jahrzehnten keine Interviews mehr, weil ich die Lust daran verloren habe mit Leuten zu reden, die von dem über das sie reden keine Ahnung haben. - Oder wie soll ich die inzwischen zur Pflicht gewordene „Gewohnheit“ der Kollegen werten, die Interviews nach dem Interview zur Überarbeitung den jeweiligen Presse- und Fachabteilungen überlassen zu müssen?

Was Motor-KRITIK „offiziell“ erreicht, sind – wenn es um als kritisch empfundenen Situationen geht – meistens geschickt „konstruierte Sprachregelungen“, die den Kern eines Problems verdecken sollen. Da nutzen auch keine Nachfragen. Sie werden oft so – oder so ähnlich – beantwortet:

„Bitte haben Sie Verständnis dafür wenn wir sagen, an Spekulationen zu möglichen Einzelinvestitionen beteiligen wir uns nicht.“

Das ist so eine Standardformulierung, die uns in vielen Variationen immer wieder erreicht. Die obige stammt aus der VW-Presseabteilung, wo man – natürlich – bemüht ist, die aktuellen Geschehnisse sozusagen „auf kleiner Flamme“ zu kochen. - Da sollte man den VW-Mitarbeitern auch keinen Vorwurf machen. Presseabteilungen im Jahre 2015 sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Vor Jahrzehnten erhielt man noch blitzschnell – und umgehend – gute und richtige Sach- und Fach-Informationen. Wenn man sie brauchte. - Heute sind die gleichen Abteilungen oft zu „Informations-Abwehrabteilungen“ umfunktioniert. - Oder man antwortet auf unangenehme Fragen gar nicht. Wie aktuell z.B. das Bundesverkehrsministerium nicht auf eine Motor-KRITIK-Anfrage vom 29. Oktober. - In diesem Jahr, im Jahr 2015! - Immerhin!

Interessant ist, was meine Kollegen so alles erfahren. Natürlich lese ich auch deren Beiträge. Und weil ich schon etwas länger „in der Branche“ unterwegs bin, kann ich solchen – wenn ich Glück habe - „Exklusiv“-Berichten dann mehr entnehmen, als einer direkten und offenen – und „transparenten“ - Antwort einer Presseabteilung.

Hier dazu ein aktuelles - natürlich „exklusives“ - Beispiel in Form eines Ausschnittes einer Bildschirmseite: Da wird, wie insgesamt üblich - wohl vom KBA in Flensburg ausgehend - die Zahl der in Deutschland – auch von einem Rückruf - betroffenen Diesel-Fahrzeuge mit 2,4 Millionen genannt. Obwohl es auf diesen Motor-KRITIK-Seiten schon einmal Anfang November zu lesen war, will ich hier die rd. eigentlich zunächst im deutschen Markt betroffenen 2,6 Millionen Fahrzeuge nach Fabrikaten geordnet, gerne noch mal spezifizieren:

AUDI  650.000
SEAT    80.000
SKODA   250.000
Nutzfahrzeuge   180.000
VOLKSWAGEN 1.440.000
insgesamt: 2.600.000

Natürlich muss man auch im Interesse der VW-Aktionäre - die sich ebenfalls betrogen glauben - deutlich machen, dass das alles viel billiger sein wird, als zunächst befürchtet. Da schafft dann ein neues Softwareprogramm (kostet das nichts?) in Verbindung mit einem 10 Euro teuren Sensor im Luftfilter Abhilfe. - Das soll bei den 1,6 Liter-Motoren so sein. Bei den Zweiliter-Motoren soll's auch eine reine Software-Änderung schaffen.

Das Ergebnis soll sein, dass diese NOx-“Giftspritzen“ dann, Zitat „Wirtschaftswoche“...

„auch im Alltagsverkehr innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte der Euro-5-Norm zu halten“

...sind. - Das KBA prüft gerade diese „Lösung“. - Unter Aufsicht des Verkehrsministers bzw. seines Ministeriums.

Da spricht niemand von den Werkstattkosten insgesamt, weil doch auch ein 10-Euro-Sensor eingebaut werden muss. Er muss auch irgendwie mit dem Steuergerät verbunden werden. Auf dem Steuergerät muss eine neue Software aufgespielt werden. Die musste nicht nur „geschrieben“, sondern auch auf Prüfständen „herausgefahren“ werden. - Das alles ist dann billiger als was?

Und warum waren die Zweiliter-Motoren dann ursprünglich mit einer „betrügerischen Software“ zusätzlich ausgestattet, wenn es – bei gleicher Motor-Leistung und -Charakteristik (?) - auch so einfach funktioniert?

Aber solche Geschichten, wie in der „Wirtschaftswoche“, machen halt – wie ich zu sagen pflege - „einen schlanken Fuß“. Sie passen auch wunderbar in die notwendige Strategie einer Presseabteilung. Die dazu noch „beratende“ Agenturen beschäftigt, die sich auf das Thema „Krisenbewältigung“ spezialisiert haben. - Und: Es liest sich auch gut. Und wenn die „Wirtschaftswoche“ es schreibt... -

Was heißt das denn alles, wenn man „zusammenzählt“, vergleicht und wertet - nachdem man sozusagen einen Strich gezogen hat? -

Dass versucht wurde, die „Meinungsbildner“ und „Multiplikatoren“ von öffentlicher Meinung bis zu diesem Zeitpunkt durch intelligente „Sprachregelungen“ praktisch so dumm zu halten, dass – wo auch immer – keine Unruhe entsteht. - Eine solche „Volksverdummung“ wird dann von „Fachleuten“ wieder als „tolle Leistung“ empfunden. - Aber macht das VW insgesamt glaubhafter?

Auch hier in Motor-KRITIK werden Sie, liebe Leser, demnächst wieder Neues zum „VW-Abgas-Skandal“ lesen können. Vielleicht wird es deswegen „exklusiv“ sein, weil es auf eigenen Recherchen beruht. Aber selbst denen ist nicht immer zu trauen, wenn die „Quellen“ intelligenter, noch erfahrener und – irgendwie pfiffiger sind. - Nein, das sind keine bösen Menschen, die so etwas tun. Sie tun es schließlich im Interesse eines Auftraggebers.

Wir wünschen, dass es uns gelingt, nicht darauf herein zu fallen. Obwohl das dann diesen Menschen schadet, weil sie – aus der Sicht des „Auftraggebers“ - versagt haben. Schließlich erhalten sie für Ihre Arbeit Geld. - Während Motor-KRITIK... -

Aber das ist ein anderes Thema.

Fortsetzung folgt!
Wilhelm Hahne
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