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Er war Fotochef bei der „Auto-Zeitung“ in Köln. Ich hatte dort Anfang der 70er die Aufgabe übernommen, in dieser 14-tägig erscheinenden Auto-Zeitschrift einen regelmäßigen Motorrad-Teil von 8 – 10 Seiten zu integrieren. Da wurde Wolfgang für mich zu einem wichtigen Kollegen. Uns einte die Einstellung, immer zu versuchen, ein maximales Ergebnis zu erreichen. So waren Fotoproduktionen für „meinen“ Motorradteil auch niemals für ihn nur eine Pflichtübung. - Ich hatte meine Vorstellungen. Er hatte seine Vorstellungen. Wir beide stimmten unsere Vorstellungen dann schon oft - vor einer Produktion - mit dem Layout-Chef ab. Das aber nicht während der normalen Arbeitszeit, sondern z.B. während der Mittagspause – beim Essen. - Wolfgang war 12 Jahre jünger als ich. Da ich zu der Zeit auch der älteste Kollege in dem relativ jungen Redaktion-Team der „Auto-Zeitung“ war, war ich für ihn dann der „Opa“. - Nun ist der „junge Mann“ im Alter von 81 Jahren gestorben. - Nach langer Krankheit.
Wolfgang Drehsen: Als Fotograf mein Lehrmeister!
Natürlich hatte ich schon vorher fotografiert. Aber Wolfgang hat meine damals genutzte Kamera niemals so richtig ernst genommen. Er arbeitete nur mit Nikon, war davon überzeugt. Ich hatte schon vorher – als freier Motor-Journalist – immer mit Minolta gearbeitet und war eigentlich auf meine Minolta XM-Motor richtig stolz. - Eine tolle Kamera und tolle Objektive!
Aber erst durch die Arbeit mit Wolfgang Drehsen habe ich gelernt, dass es schon einen Unterschied zwischen „Knipsen“ und „Fotografieren“ gibt. Das Letztere ist richtige Arbeit, setzt nicht nur den richtigen Umgang mit der Kamera, sondern auch Gefühl für das Thema und Menschen voraus und verlangt Phantasie und Einfühlungsvermögen. Man sollte schon wissen, bzw. sich vorstellen können, wie man eine Szene besser – und mit welchem Objektiv z.B. - „ins Bild setzen“ sollte.
Wolfgang hat mich – damals – zur Zeit der analogen Fotografie, auf die feinen Unterschiede z.B. bei den Kodak-Filmen aus US- und aus französischer Produktion aufmerksam gemacht. So haben wir beide dann nur Kodakfilme aus französischer Produktion verwendet.
Als ich dann – für mich – auch noch mit einer 6x7-Kamera unterwegs war, habe ich z.B. begriffen, dass das Gewicht einer Kamera zwar zu einer Belastung werden kann, aber z.B. bei „Mitziehern“ eine weitaus höhere Trefferquote garantierte als eine leichte Kamera.
- Das höhere Gewicht begünstigt ein gleichmäßigeres „Mitziehen“!
Ich bin Wolfgang für seine Mühe sehr dankbar, die er sich gab, um bei mir Verständnis dafür zu wecken, dass Perfektion nicht so nebenbei entsteht. So bin ich ihm zuliebe mit Motorrädern im Sommer schon um 5 Uhr in der Frühe – von ihm fotografisch begleitet – unterwegs gewesen, weil er nicht „große Schatten“ produzieren wollte, sondern „schöne Fotos“, die nach seiner Vorstellung „nur bei diffusem Licht“ – direkt nach Sonnenaufgang - möglich waren.
Wolfgang hat mir auch beigebracht, wie man z.B. richtig scharfe Rennsport-Fotos mit den damaligen Spiegelreflex-Kameras machen konnte. Man stellte schon vorher auf den Punkt der Straße scharf, an dem man das Fahrzeug fotografieren wollte. Wenn das Fahrzeug dann kam, fuhr es praktisch „in die Schärfe“ hinein. - Man musste nur noch im richtigen Moment abdrücken!
Ich habe von Wolfgang Drehsen aber nicht nur zur Praxis des Fotografierens alles Wichtige erfahren, sondern mit ihm zusammen auch eine Menge von Erlebnissen gehabt, die eigentlich deutlich machen, dass bei „unseren“ Produktionen zwei Verrückte zusammen kommen mussten, um zu einem wirklich guten Ergebnis zu kommen.
Wolfgang hat auch immer blitzschnell Situationen erkannt, die man niemals stellen konnte. Ich erinner mich da an ein Foto auf Gran Canaria, wo mich plötzlich bei meinen Mehrfach-Vorbeifahraktionen ein kläffender Hund auf einer 1000er Suzuki verfolgte. Wolfgang hat diese Situation reaktionsschnell eingefangen und ein besonderes Foto geschossen.
Wir haben zusammen in der Nähe des Nürburgrings ein Standfoto entstehen lassen, dass mich auf einer Norton in einer Nahaufnahme zeigte. Unter besonderen Lichtverhältnissen fotografiert. Dazu habe ich mich nach seinen Anweisungen so verbiegen müssen, dass ich an Wolfgangs Verstand gezweifelt habe. Aber der hat – gerade in einer „Weitwinkel-Phase“ unterwegs – mit klar gemacht, dass das auf dem Foto dann schon alles eine besondere Wirkung hätte.
- Wolfgang hat damit einen europäischen Kodak-Fotowettbewerb gewonnen!
Um mal eine 100er Yamaha richtig ins Bild zu setzen, haben wir nicht nur nach einer passenden Kurve auf einer normalen Landstraße gesucht, sondern dann auch besprochen, wie man vielleicht ein besonderes Foto schaffen könne.
Wenn ich in der Rechtskurve eine „vernünftige“ Schräglage erreichen wollte, musste ich wohl schon um die 100 km/h unterwegs sein. Wolfgang hatte die Idee, dass er auf der Straße stehend, dann mit einem Weitwinkel einen „Mitzieher“ machen würde, wenn ich relativ nahe an ihm, innen „vorbei huschen“ könne.
„Traust du dir das zu?“, hat er mich gefragt. Denn er musste mir vertrauen, dass ich „mit 100“ zentimetergenau an ihm innen vorbei zirkelte. - Ich habe es mir zugetraut und dann einen entsprechenden Anlauf genommen.
Wolfgang stand auf der Straße, die Kamera schussbereit in den Händen. Aus seiner Sicht kam ich sehr schnell „angeflogen“. Er hat mir dann doch nicht mehr vertraut und wollte noch schnell den Straßenrand erreichen. Aber er ist mir vors Motorrad gesprungen. Ich habe noch einen Schlenker versucht, aber… - Mit dem dem „Lenker“ - rechts - habe ich ihn dann noch erwischt.
Ich bin dann mit dem Motorrad schon wild über die Straße getaumelt, war froh dass es keinen Gegenverkehr gab, habe das Motorrad aber nicht weggeschmissen! - Und mehr, als nur einmal tief durchgeatmet!
Als ich dann - noch ein wenig erregt - zurück kam, saß Wolfgang am Streckenrand und presste seine Hand in die Seite, die ich „getroffen“ hatte.
Ein Arzt hat eine Nierenverletzung mit leichtem Nierenbluten diagnostiziert. Aber Wolfgang kam „zum Dienst“, hat „kein Theater gemacht“ – und mir keinen Vorwurf.
- „Das war mein Fehler, ‚Opa‘“, hat er gesagt. Damit war der Fall erledigt!
In meinem Motorrad-Ressort ging es zu der Zeit immer ein wenig stürmischer zu, als im normalen Test-Ressort. Da flogen wir mal schnell nach Wien, um eine neue 125er Honda noch in der Nacht zu fahren und zu fotografieren, die dort – als erstem Punkt in Europa – gerade aus Japan angekommen und erst am Abend aus der Kiste ausgepackt und montiert wurde.
- Wolfgang machte im Scheinwerfer-Licht des Leihwagens ein wunderschönes Foto von der vorderen Scheibenbremse der kleinen Honda, die dann als „Motor-Poster“ erschien.
Oder wir haben in der Schweiz – beim dortigen Importeur - exklusiv eine neue Yamaha fotografiert, die dann bei uns schon im Heft war, als der deutsche Yamaha-Importeur sie auf der Kölner Motorrad-Messe „IFMA“ als überraschende Neuheit vorstellte.
Wir haben in Norwegen das Düsseldorfer Foto-Team gesucht – und gefunden – das Prospektfotos für ein neues BMW-Modell machte. - Wir waren erfolgreich! - Auch damit waren wir dann in Deutschland als Erste am Kiosk. Auch passend zu einer Ausstellung.
Aber das setzte immer kurzfristig anfallende – nicht eingeplante – Reisen voraus. Wir – Wolfgang und ich – waren immer ein gutes Team – so lange wir alleine unterwegs waren. In „Begleitung“ war er schon mal auf die Begleitung ausgerichtet. - Dann besonders, wenn es sich um einen alten Freund handelte.
So ist es dann passiert, dass ich eigentlich keine Reise zur Motorradausstellung nach Mailand eingeplant hatte, aber dann kurz vor der Eröffnung erfuhr, dass dort… - Teufel aber auch! - Also:
„Wolfgang, wir müssen morgen früh nach Mailand fliegen!“ Wolfgang – in Begleitung: „Tut mir leid! - Du musst dir mal angewöhnen, deine Termine vernünftig zu planen! Ich kann morgen nicht und kann dir auch keinen anderen Fotografen mitgeben!“
Ich, nach kurzem Überlegen: „Gut, dann fliege ich eben morgen alleine, nehme meine Kamera mit“… - Wolfgang unterbrach mich: „Das kannst du nicht. Du bekommst heute Abend keinen Reiseantrag mehr genehmigt. Der Chefredakteur ist nicht da.“ - Ich:
„Macht nichts! - Den kann ich auch noch nachträglich stellen. Aber die Motorradausstellung in Mailand beginnt morgen früh!“
Ich bin dann sehr früh am Morgen nach Mailand, war am frühen Abend wieder zurück, habe meine Aufnahmen im Layout mit ein paar kurzen Informationen zum Bearbeiten hinterlegt, habe dann in der Nacht meine Geschichte dazu geschrieben und auch noch zwei andere Geschichten, damit die der Planung entsprechend – die übrigens von Rainer Braun als Chef vom Dienst überwacht wurde – auch termingerecht fertig waren.
Als um 6 Uhr morgens die Frauen in die Redaktion kamen, die nicht nur die Büros sauber hielten, sondern für uns auch den ersten Kaffee in großen Wärmekannen bereit stellten, da bin ich dann nach Hause gefahren. Natürlich mit einem schnellen Motorrad. Zum Duschen, Frühstücken und einem Kurzschlaf. Um 10 Uhr war ich dann pünktlich wieder zur Redaktionskonferenz in Köln.
- Da hat sich sogar ein Wolfgang Drehsen gewundert, was so alles möglich war.
Ich habe vor ihm begriffen, dass ein Journalismus, wie ich ihn als richtig – im Sinne der Leser empfand - in der Kölner Redaktion nicht optimal umgesetzt werden konnte. Das war – aus meiner Sicht - mehr etwas für Journalisten-Beamte.
- Im „System“ hat schon gestört, dass ich als Einziger morgens um 8 Uhr meine Arbeit begann!
Ich habe dann gekündigt. Wolfgang Drehsen ist dann Jahre später auch ausgeschieden. Im Beruf immer erfolgreich, hat ihn dann später eine böse Krankheit erreicht, die nun stärker war als sein Wille zum Leben und guten Fotografien.
- Wir hatten nach meiner Trennung von der „Auto-Zeitung“ eigentlich keinen Kontakt mehr. Was auch schwierig war. Denn nach einer weiteren Auseinandersetzung - als „freier Mitarbeiter“ zum Thema 12-Zylinder BMW-Motor - hatte ich Hausverbot bei der „Auto-Zeitung“!
Aber ich habe Wolfgang Drehsen, als meinen „Fotografie-Lehrmeister“ nicht vergessen. Es wirkt auf mich schon ein wenig eigenartig, wenn sich jüngere Kollegen – und Wolfgang ist nicht der Erste – schon deutlich vor mir von dieser Erde verabschiedet haben.
- Wir gehen aber irgendwann alle den gleichen Weg. Und lassen – hoffentlich - Menschen zurück, die uns vermissen werden.
Wolfgang Drehsen hatte auch Familie, die ihn schon in der Zeit seine Lebens oft vermissen musste. - Aber nun wird er nicht wieder kommen!
Seine Familie hat mein Mitgefühl!
Und auch ich werde ihn nicht vergessen! - Natürlich haben wir uns auch ab und zu auch „gezofft“! - Aber wichtig war auch ihm immer das gute Ergebnis einer Arbeit. Auch an seinem Beispiel könnte man festmachen;
- Ein wenig „bekloppt sein“ hilft immer!
Nun ist die Welt wieder ein wenig ärmer geworden!
Wilhelm Hahne



