Der „verschwundene“ DMSB-Termin

Ein Motor-KRITIK-Leser meinte in diesen Tagen – mit einem bedeutungsvoll unbeteiligten Gesichtsausdruck: „Ihre Vorhersagen haben die Qualität der Versprechungen von Wahrsagern!“ - Da musste ich dann um ein Beispiel bitten. Und wurde auf meine „Vorhersage“ in einer Motor-KRITIK-Geschichte vom 23. Oktober 2015 verwiesen, wo ich auf eine gemeinsame Abschlusssitzung der „Nürburgring-Arbeitsgemeinschaften“ am 10. November 2015 verwiesen hatte. - „Und wir haben heute“ – nach einem Blick auf die Datumsuhr – „schon den...“ - Da blieb mir nur ein gemurmeltes „OK, OK“ und der Hinweis, dass ich mich auch wunderen würde, weil doch inzwischen selbst der Geschäftsführer der CNG (Capricorn Nürburgring GmbH), Carsten Schumacher, schon in einer Presse-Erklärung von einer Zustimmung die FIA zu einer weiteren Genehmigung von Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife gesprochen hätte. - Und in einer Presseerklärung veröffentlichen ließ! Allerdings kam dort der Begriff „DMSB“ nicht als wichtig und bedeutend vor. - Zufall? - Absicht? - Das Ergebnis meiner Recherchen lüftet das Geheimnis, das dann hier den Titel trägt:

Der „verschwundene“ DMSB-Termin

Es gibt viele geheimnisvolle Erscheinungen auf der Welt. Es gibt auch Gegenden, in denen geheimnisvolle Dinge geschehen. Da gibt es z.B. das „Bermuda-Dreieck“, wo Schiffe, Flugzeuge, Menschen verschwunden sein sollen. Obwohl man mit Bestimmtheit sagen kann, dass sie vorher da waren: Nun sind sie weg! - Genau so ist das wohl mit einem Termin beim DMSB passiert. Hinter dunklen Gemäuern – man sagt, dass es die in Frankfurt gibt – ist ein Termin in den schier endlosen Weiten der unregulierten Gedankenwelt einer permitlosen Führungs-Group wohl „unter die Räder gekommen“. - Wie wir hier versucht haben, mit Fotos zu verdeutlichen.

Für den 10. November 2015 – einem Dienstag – hatte ich in Frankfurt „Lücken“ vorhergesehen. Bei den Nürburgring-Arbeitsgemeinschaften. Zu diesem Termin wollte man sich in Frankfurt beim DMSB zu einer Abschlussveranstaltung treffen um „Beschlüsse“ zu verabschieden, die die Saison 2016 am Nürburgring wieder normalisieren sollte.

Die Arbeitsgruppen waren nach dem Unfall mit Todesfolge Ende März 2015 gebildet worden und sollten – schon dadurch dass es sie gab – der Öffentlichkeit das Gefühl vermitteln, dass man um die Sicherheit – von wem eigentlich? - sehr besorgt wäre.

Es wurde eben mehr getan als nur FIA-Zäune ohne Baugenehmigungen (!) zu erstellen oder auf einer Rennstrecke Geschwindigkeitsbegrenzungen einzurichten. - Ach ja – man hatte Zuschauerplätze gesperrt und man setzte auf die Wirkung eines gerade eingeführten „Nordschleifen-Permit“, einer Bescheinigung für geprüftes Fahrkönnen – aber ohne jede Garantie. Sozusagen ein „verantwortungsloses Stück Plastik“.

Mit einer solchen Unterstützung war es schon zu dem alle anderen Maßnahmen auslösenden Unfall gekommen, unter dem die 87 Jahre alte Rennstrecke dann zum ersten Mal eine ganze Saison zu leiden hatte. Natürlich hatte es auch schon in den Jahrzehnten vorher Tote gegeben. - Inzwischen ist eben die Zeit von „Hecke auf – Hecke zu“ vorbei. - Dabei gab es „damals“ noch keinen DMSB.

Am Nürburgring weiß man jetzt erst, dass die Zeit ohne eine Führungsmannschaft „der Moderne“, für den Motorsport geradezu eine „Freudenzeit“ für Motorsportler war.

Obwohl die jetzige Führungsmannschaft des DMSB in den letzten Monaten immer wieder betont hat, dass alle einen normalen Motorsport negativ beeinflussenden Maßnahmen im Grunde auf Anweisungen von Seiten der FIA erfolgten. Eindruckvoll auch durch die Aussagen des DMSB-Präsidenten am 21. August bei einem Straßenfest in Nürburg (s. Foto) vorgetragen. Und man hatte versprochen, dass im Motorsportjahr 2016, wenn alle von der FIA verordneten Sicherungs- und Sicherheitsmaßnahmen gegriffen haben würden, dann wieder „ein normaler Motorsport“ auf der Nürburgring-Nordschleife möglich wäre.

Aber um zu der sich abzeichnenden Motorsport-Saison 2016 am Nürburgring eine Vorhersage zu machen:

  • Nichts wird so sein wie es mal war!

Wer den Äußerungen eines Hans-Joachim Stuck, Präsident des DMSB, oder dessen Generalsekretär Christian Schacht aufmerksam zugehört hatte, der wusste aus deren Darstellungen, wie abhängig der DMSB in seinen Entscheidungen von der FIA, der internationalen Motorsportbehörde, sein musste. Denn eigentlich war es die FIA gewesen, die... -

Zudem war durchgedrungen, dass Christian Schacht mit der Position eines Geschäftsführers am Nürburgring liebäugelte. Das muss nicht stimmen, wurde aber kolportiert.

Und das hat sicher den aktuellen Geschäftsführer der CNG (Capricorn Nürburgring GmbH), Carsten Schumacher (auch) veranlasst, nun in Sachen Streckenabnahme nicht mehr „mit Häns'chen, sondern mit Hans“ zu verhandeln, also direkt mit der FIA. Wenn doch der DMSB, wie man immer wieder aus Richtung Frankfurt hörte, nicht ohne die FIA... -

Als man das mit bekam, war man in Frankfurt nicht amüsiert.

Aber an jenem 10. November war dann auch Carsten Schumacher in Frankfurt angereist um vor den dort tagenden Gremien die FIA-Entscheidung in den sieben Details (und mehr) darzustellen, die die Grundlage für eine ab 2016 für drei Jahre gültige Genehmigung als Rennstrecke für Renntourenwagen sein soll – und die bis März 2016 umgesetzt sein sollen. - Und die GT3 würden dann durch eine Beschneidung... - Aber dazu später mehr.

Am 10. November erschien auch – gleichzeitig zum 10-Minuten-Vortrag des Herrn Carsten Schumacher in Frankfurt - eine Pressemitteilung der CNG in Nürburg. (Die Pressemitteilung der CNG zu diesem Thema finden die Leser als pdf-Datei im Anhang.)

Eigentlich hatte der Geschäftsführer auch gedacht, dass er in Frankfurt mit als Erster von den dort erwarteten Beschlüssen des DMSB erfahren würde, die dann seine Informationen ergänzen würden, damit auch für GT3-Besitzer und -Interessenten Planungssicherheit für die Saison 2016 bestand.

Aber das wurde dann nichts – oder nicht so richtig. Da hatten die Arbeitskreise zwar Ideen entwickelt, auf die man beim DMSB gerne zurück gegriffen hätte, aber... -

Einer der Fahrervertreter hat z.B. seine Ideen zur Fahrerschulung in Vorbereitung auf ihren Einsatz auf der Nürburgring-Nordschleife vorgestellt und beim DMSB gab man sich wohlwollend. Das Programm würde man übernehmen. - Der Fahrer fand das Interesse der DMSB-Funktionäre an dem von ihm entwickelten Programm zwar gut und hat es auch zum Kauf angeboten. - Kauf? - Beim DMSB war man verständnislos.

Noch unverständlicher fand man es beim DMSB, dass es Aktive gab die darauf bestanden, dass man ihre Mitarbeit nicht als Basis für die fälligen DMSB-Beschlüsse darstellen dürfe. Man forderte das sogar in schriftlicher Form. - Nein, die Stimmung war an diesem Tag in Frankfurt nicht wirklich gut.

Das lief also an diesem 10. November gar nicht so, wie man sich das beim DMSB in Frankfurt vorgestellt hatte.

Noch schlimmer war es bei den anderen Arbeitskreisen, wo es z.B. zum Thema „Vignetten-Reifen“ - andere bezeichnen sie als „Entwicklungsreifen“ - von Seiten der Reifenindustrie keine Zustimmung zu einem Verbot gab.

Die Frage der Industrievertreter: Wie stellen sich denn DMSB-Funktionäre in Zukunft die Weiterentwicklung von Reifen vor? - Soll es in Zukunft keine Reifenweiterentwicklung auf dem Gebiet der Rennreifen mehr geben, obwohl die doch notwendig ist, wenn man auch die Entwicklung der Serienreifen weiter voran treiben will?

Und die unterschiedlichen GT3-Fahrzeuge rollen auch auf Rädern mit unterschiedlichen Reifengrößen. - Da konnte man – so auf die Schnelle – zu keiner einvernehmlichen Lösung kommen, die den Vorstellungen aller Beteiligten entsprach.

Im Technikausschuss, der eigentlich ein Ausschuss „von Gnaden des ADAC Nordrhein“ ist, war man sich zwar einig, dass man die Motorleistung bei den GT3-Fahrzeugen senken müsse. - Vielleicht um 5 Prozent?

Die Software-Spezialisten bei den Automobilherstellern werden schmunzeln. Am Beispiel des derzeitigen VW-Abgas-Skandals wird doch deutlich, dass „Spezialisten eben etwas Besonderes“ leisten können. - Man muss sie fordern. Zum Beispiel mit neuen „BoP“-Reglementierungen, um die Motorleistung zu senken.

Zum Nachdenken: In der Saison 2015 fuhr man mit einem GT3 mit 1.350 Kilogramm Gewicht und 500 PS (auf dem Prüfstand) dann unter Einhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzungen auf der Nordschleife 8:01 min. - Also haben die „BoP“-Maßnahmen doch gegriffen!

Wer greift sich da an den Kopf?

Würden die Vertreter der interessierten Automobilohersteller also – auf diesem Gebiet - noch mit sich handeln lassen, so erwies sich die Durchsetzung der Beschneidung von aerodynamischen Hilfsmitteln als sehr kritisch, weil sie nur für die Nürburgring-Nordschleife gelten würden. Ein Käufer könnte ein nach den Spezialanforderungen der Technik-Spezialisten umgerüstetes Fahrzeug dann nur noch auf der Nordschleife einsetzen, nachdem er – zusätzlich zum (schon hohen) Kaufpreis – die Änderungskosten hinnehmen musste.

So gab es dann auch auf diesem Gebiet keine Entscheidung, hinter der sich die Funktionäre des DMSB verstecken könnten. - FIA, BoP-Spezialisten, Arbeitsgruppen würden als Argumentation wegfallen. - Also gab es am 10. November auch in dieser Sache beim DMSB keine Entscheidung.

Damit ist eigentlich der Start von GT3-Fahrzeugen für die Saison 2016 zu diesem Zeitpunkt auf der Nürburgring-Nordschleife in Frage gestellt. - Und interessierte Teams, die den Kauf eines neuen GT3-Fahrzeugs für die Saison 2016 zum Einsatz z.B. in VLN-Rennen in Aussicht genommen hatten, müssen weiter den Kauf eines solchen Fahrzeugs zurück stellen.

Aber bei einem war man sich einig: Das Nordschleifen-Permit würde – müsse (!) - bleiben! - Man würde mehr Lehrgänge anbieten, Abendveranstaltungen usw. - In jedem Fall möchte man – natürlich im Interesse der Sicherheit – kassieren. Auch von Leuten die z.B. Le Mans-Sieger sind und auch auf anderen Rennstrecken der Welt erfolgreich waren. - Dort gibt es eben keinen DMSB!

Dumme Frage: Warum sollte jemand auf der Nordschleife Rennen fahren müssen? Lt. Gesetz der Mainzer Landesregierung gibt es dort zwar einen freien Zugang, aber von Fahren hat niemand gesprochen. Dürfen nur Touristen – natürlich gegen entsprechende Bezahlung – mit ihrem Leben spielen?

Um hier einmal die „Bedeutung“ des „Nordschleifen-Permit“ in der Praxis zu verdeutlichen:

Eine der letzten Renn-Veranstaltungen in diesem Jahr auf der Nürburgring-Nordschleife war ein 3-Stunden-Rennen des RCN. Bei Motor-KRITIK war in diesem Zusammenhang von einem „Not-Permit“ die Rede, das von jedem Teilnehmer an diesem Rennen verlangt wurde. Das hatte die Fahrer überrascht, weil diese Entscheidung sehr kurzfristig verkündet wurde. Der RCN hat dann gehandelt, die Kosten für ein „Nordschleifen-Permit“ - das dann natürlich ohne jeden Lehrgang und Prüfung ausgestellt wurde - mit 25 Euro pro Teilnehmer zu seinen Lasten übernommen.

Den „Anforderungen“ des DMSB war damit Genüge getan. Man hatte kasssiert. - Und 25 Euro pro Teilnehmer sind doch auch Geld?

Soviel zum tatsächlichen Wert einer DMSB-Auflage, die in Zukunft viele Fahrer, die an einem VLN-Rennen teilnehmen wollen, praktisch um eine ganze Saison zurück wirft. - Da muss ein Lehrgang absolviert werden. Dazu wird ein Automobil gebraucht. Dann müssen drei Rennen auf einem kleineren Automobil gefahren werden, wozu – wenn man keins kauft – sich „einkaufen muss“. Dazu kommen dann die – relativ kleinen – Kosten für das eigentliche Permit. - Von den Kosten dafür wird gesprochen, aber „die anderen“ sollte man schon „im Sinn“ haben!

Insgesamt muss man mit 12 – 15.000 Euro rechnen, die diese DMSB-Vorschrift – neben dem Zeitverlust – einen VLN-Neuzugang kostet. - Sollte man da nicht besser gleich zum Golfspielen gehen?

Die Zahl der „Abgänge“ in 2016 bei der VLN wird u.a. die Frage beantworten. Wir werden nicht nur die VLN-Meister der Jahre 2013 und 2015 – natürlich offiziell „aus Zeitgründen“ - kaum noch dort treffen. - Freie Fahrt für freie Bürger? - Bitte nur im Touristenverkehr!

Motorsport – gerade der Breitensport – ist eigentlich genauso wie Motorradfahren „zweckfreies Tun“. Dank dem DMSB wird es zum „endlosen Ärger“. - Warum sollte man sich das antun?

Wenn man Details aus der in Frankfurt am 10. November stattgefundenen Sitzung des DMSB vernimmt, muss man eigentlich annehmen, dass die wenigsten Funktionäre dort Ahnung von dem haben, was heute in der Technik, Elektronik oder softwaremäßig in „unserer Zeit“ möglich ist.

Das wurde tatsächlich z.B. als „einbremsende Maßnahme“ bei GT3-Fahrzeugen eine größere Bodenfreiheit diskutiert!

Ich kann mich erinnern, schon vor langer, langer Zeit GT-Fahrzeuge erlebt zu haben, die ihre Bodenfreiheit nach Verlassen der Boxengasse dann zufällig verringerten. Und haben die DMSB-Spezialisten sich schon mal mit den Leuten unterhalten, die mit Chip-Tuning ihr Geld verdienen?

Hat man auch übersehen, dass GT3-Fahrzeuge auf der Nordschleife nicht die homologierten Dämpfer verwenden müssen, sondern hier andere Systeme verwenden dürfen?

Wir bei Motor-KRITIK sind immer wieder überrascht, wie weltfremd – an der angenommenen Dummheit der Öffentlichkeit orientiert – viele Lösungsvorschläge der Spezialisten des DMSB sind. - Reiner Aktionismus!

Und wir können verstehen, dass ein Carsten Schumacher sehr unzufrieden von Frankfurt in die Eifel zurück gefahren ist. - Er hatte nicht nur einen Arbeitstag verloren!

Tatsache ist: Es wird überall – auch beim DMSB – mehr an „politisch korrekten“ als an der realen Situation orientierten Lösungen für den Motorsport – speziell den Breitensport - gearbeitet. Und bei der Industrie denkt man – wie beim DMSB – zunächst nur ans Geldverdienen.

Sollte nicht eigentlich die Förderung des Motorsports eine der wichtigen Aufgaben des DMSB sein?

Bezeichnend ist, dass der Präsident des DMSB sich gut von seiner Rolle als Aktiver hinein in die Rolle des Präsidenten verändert hat. Bestimmte Fahrer und er werden sich heute selbst aus einer gewissen Distanz nicht mehr grüßen.

Die Zeit ist vorbei, wo ein scheinbar „bodennaher“ Hans-Joachim Stuck die Hand auf die Schulter eines Journalisten legte, um teilnahmsvoll anzumerken: „Wilhelm, wir stehen alle hinter dir!“

Das war 2009, nach der Hausdurchsuchung in der Redaktion und Beschlagnahme aller für den Beruf eines Journalisten wichtigen Geräte hier in der Eifel.

Nicht nur die Zeit hat sich verändert. - Wir schreiben 2015!

Und ein DMSB-Präsident fährt keine Rennen mehr. - Bestenfalls „Renntaxi“. - Gegen ein angemessenes Honorar.

MK/Wilhelm Hahne
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