„Jockel“ Hilgeland: Jetzt ohne ihn!

Ich kennen niemanden, der die Gesetze der Motorsports, die nationalen und internationalen so verinnerlicht hatte wie er. Er war wie ein wanderndes Archiv für die Nationalen und Internationalen Sportgesetze. Er war ein VLN-Mann und ein wirklicher Vertreter des Basis-Motorsports. Am 9. März 2016 wäre er 76 Jahre alt geworden. Er schätzte Motor-KRITIK, aber es war mehr eine Hass-Liebe. Wir haben uns auch ausgetauscht. Manchmal geschah das mehr zwangsweise. Ich habe ihn auch schon mal lange nicht erreicht. Da war er dann gerade in China, um dort sicher zu stellen, dass der dortige Formel 1-Kurs, der gerade am übernächsten Wochenende wieder der Austragungsort des „Großen Preis von China“ ist, auch den Anforderungen der FIA und des Internationalen Sportgesetzes entsprach. Nach seiner Rückkehr habe ich dann erfahren, dass der renomierte Rennstreckenbauer aus Aachen auch noch einen Bruder hat; und ich könnte – auf den Sachverstand bezogen – da auch eine Rangordnung vornehmen. - Aber eigentlich ist das im Moment eigentlich alles ohne Bedeutung, denn der Mann, der die „Spielregeln“ des Motorsports wie kein Zweiter kannte, der ist nicht mehr unter uns. - Wir können seit wenigen Tagen sicher sein: „Jockel“ Hilgeland ist tot. - Wir leben jetzt „in der Zeit danach“.

„Jockel“ Hilgeland: Jetzt ohne ihn!

Ich erinnere mich noch gut, dass er seine E-mail als „VLN-Vorstandssprecher“ unterzeichnete. Es hätte sich zu der Zeit auch kaum gelohnt, mit einem anderen Vertreter dieser Organisation Sachfragen zu erörtern. „Jockel“ kannte nicht nur das Sportgesetz, sondern auch die Gesetzmäßigkeiten des Motorsports. Er hat mich zu dieser Zeit immer als „Aufreger“ empfunden, weil ich – so hat er wohl gemeint – dem Motorsport mit meinen kritischen Anmerkungen schaden würde.

So ist er mir auch – wenn er konnte – bewusst aus dem Weg gegangen. Aber es gab auch Momente, wo er durch das Verhalten seiner Partner so deprimiert war, dass er sich schon mal bei mir „ausweinte“.

„Jockel“ Hilgeland war für Sicherheit im Motorsport. Aber nicht für eine überzogene, die er dann schon wieder als verlogen empfand. Ich kann mich noch sehr gut an ein langes nächtliches Gespräch im Umfeld eines 24-Stunden-Rennens erinnern, als Dr. Kafitz – damals Hauptgeschäftsführer der Nürburgring GmbH – jemand der Marketing studiert hatte – mal wieder einen Sicherheitsausschuss gegründet hatte, als es schwerste Unfälle bei Touristenfahrten gegeben hatte.

„Jockel“ war betrübt, weil Dr. Kafitz – natürlich „vertraulich“ - zu verstehen gegeben hatte, dass es nicht darauf ankäme für viel Geld nun zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen zu generieren, sondern gegenüber der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, dass man etwas tut. - Man müsse nur den Eindruck erwecken!

Da fühlte sich dann „Jockel“ Hilgeland missbraucht. - Und sprach sogar mit Wilhelm Hahne.

Irgendwann hat er dann wohl begriffen, dass er eigentlich nichts verändern konnte. Auch nicht mit all' seinem Wissen, seinem Engagement, seiner Einsatzbereitschaft. Er fühlte sich nicht mehr ernst genommen. Und er passte auch eigentlich mit seiner Einstellung nicht mehr so richtig in die heutige Zeit. - Obwohl er sehr um Anpassung bemüht war.

Man hat ihn auch wirklich nicht mehr ernst genommen. Obwohl man ihm Aufträge gab. Die ihn dann auch beschäftigten und deren Aufgabenstellung ihm Spaß machte. Aber seine Vorschläge blieben dann oft nur beschriebenes Papier.

Am 25. Oktober 2015 hätte er bei einem Drei-Stunden-Rennen des RCN auf dem Nürburgring der stellvertretende Rennleiter sein sollen. - Er ist nicht erschienen. - Er hat sich auch nicht entschuldigt oder sonst irgendetwas von sich hören lassen. - Ungewöhnlich!

Da ist man auf die Suche gegangen, hat versucht einen Kontakt herzustellen. - „Jockel“ Hilgeland meldete sich nicht.

So hat man sein Haus aufgesucht. Es war alles vorhanden: Auto, Schlüssel, Handy, Personalausweis, Pass und – der Laptop. - Das war aus meiner Sicht ein schlechtes Zeichen. Ich habe „Jockel“ Hilgeland zu keiner Zeit ohne Laptop erlebt. Dieser kleine Computer war wie ein Teil von ihm.

Als ich damals gefragt wurde, wo ich „Jockel“ Hilgeland suchen würde, habe ich gesagt: „China“. Weil ich damit ein anderes Denken gerne ausgeschlossen hätte. Ich wusste aus Gesprächen mit ihm, dass es ihm in China gut, sehr gut gefallen hatte und er war danach auch schon mal in Deutschland mit seiner Dolmetscherin aus China unterwegs.

Irgendwie war „Jockel“ Hilgeland einsam. Seine Frau war tot. Er hatte zwar seine Arbeit, die ihn auch ausfüllte, aber er musste mehr und mehr den Eindruck haben, dass das per Saldo keinen Sinn machte. - Er fühlte sich nicht mehr ernst genommen. Und so hat er auch seine Einstellung mir gegenüber verändert. Ich war plötzlich zu einem Gesprächs- und Diskussionspartner geworden.

„Jockel“ Hilgeland hatte mir – als VLN-Vorstandssprecher – schon in 2008 geschrieben:

„Ich kann Ihnen versichern, dass die Anregung (Anmerkung: Zum Bau der FIA-Zäune an der Nürburgring-Nordschleife) nicht von der VLN gekommen ist.“

Wesentliche Diskussionen haben wir dann Anfang 2015 geführt, wo dann von der VLN „gelbe Signalleuchten“ eingeführt werden sollten. Die entsprechenden Anmerkungen dazu findet man auch in der 2016er VLN-Ausschreibung, wo auf Seite 20 zu lesen ist:

„Die in der VLN eingesetzten Flash Lights (Flag Masters) haben die Bedeutung einer einzeln geschwenkten gelben Flagge).“

Mehr nicht. - Wird auch ISG „2.4.3.1. Lichteigenschaften“ berücksichtigt? Da ist u.a. zu lesen:

„Die Lichtsignale müssen ausreichend stark und/oder groß sein, so dass sie auch bei klarem Sonnenschein unmissverständlich aus einer Entfernung von 250m erkennbar sind.

Die Lichter müssen mit 3-4- Herz blinken.

Das Licht muss sofort angehen, mit geringer oder keiner Reaktionszeit.

Zur Erzielung eines höchstmöglichen Farbkontrastes werden die Lichter auf einem matten, schwarzen Hintergrund angebracht;...

….

Die Lichter werden mit einem Relais versehen, das den nachfolgenden Posten über ihre Aktivierung informiert.

Bei permanenten Anlagen sollte der Status der Lichter automatisch in die Rennleitung übertragen werden.“

Oder unter 2.4.3.3. findet sich die Vorschrift:

„Es muss immer eine Notstromversorgung vorhanden sein.

Da Lichtsignale normalerweise jeweils nur ein Signal geben, ist die Anwesenheitneines Flaggenposten unabdingbar für eine Situation, die mehrere Signalgebungen gleichzeitig erfordert.“

Meine hier zitierten Ausschnitte aus dem Internationalen Sportgesetz habe ich von „Jockel“ Hilgeland. Wir haben die Problematik der Nutzung von Signalleuchten auf der Nürburgring-Nordschleife diskutiert. Ich stelle sie hier praktisch als ein Stück Erinnerung an ihn ein.

In diesen Tagen wurde erst die Identität eines Toten bekannt, den man Ende Oktober 2015 aus dem Rhein bei Duisburg gezogen hatte. Ein DNA-Abgleich brachte in diesen Tagen die Gewissheit:

  • „Jockel“ Hilgeland ist tot.

Er hinterlässt – soweit mir das bekannt ist – einen Sohn in Hamburg und eine Tochter, die man auch an VLN-Renntagen am Nürburgring als Technische Kommissarin im Einsatz finden kann.

Nicht nur diese beiden werden um einen Vater trauern. Der Motorsport in Deutschland hat einen Eckpfeiler des Basis-Motorsports verloren, an dem sich die im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit tummelnden Vorzeige-Funktionäre ein Beispiel nehmen sollten. - Wenn sie wenigstens das könnten.

„Jockel“ war über die aktuelle Entwicklung des Motorsports in Deutschland schon in Sorge. Und bei unseren letzten Diskussionen in 2015 war ich manchmal erstaunt, dass er mir bei Thesen zustimmte, bei denen er mir Jahre vorher deutlich widersprochen hätte.

„Jokel“ hatte keine Lust mehr. Manchmal wirkte er auf mich sogar ein wenig depressiv.

  • „Jockel“! - Jetzt ohne dich!
Wilhelm Hahne
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