Carl H. Hahn gestorben: Persönliche Erinnerungen.

Eigentlich hätte ich einen Professoren- und ein paar Doktor-Titel vor seinen Namen setzen müssen. Aber selbst die würden nicht der Bedeutung gerecht, die Carl H. Hahn für die Volkswagen AG hatte. Carl H. Hahn zählte aus meiner Sicht zu den wichtigsten drei Vorstandsvorsitzenden, die diesen Automobilhersteller bisher geführt haben. - Ich habe sie alle erlebt! - Von Nordhoff an. Die berufliche – aber auch private - Entwicklung des Carl H. Hahn war stark von seinem ersten „Chef“ bei VW, Heinrich Nordhoff, beeinflusst. Niemals hätte ich aufgrund der mir bekannt gewordenen Abläufe in Wolfsburg erwartet, dass Carl H. Hahn, nachdem er bei Continental in Hannover– mal gut – gelandet war, noch mal zu VW zurück kehren würde. Er recht nicht an die Spitze des Konzerns!

Carl H. Hahn gestorben: Persönliche Erinnerungen.

Nun ist Carl H. Hahn in Wolfsburg im Alter von 96 Jahren, am 14. Januar 2023 gestorben. Seinem Namen wird gerne „jun.“ angehängt, weil sein Vater den gleichen Vornamen trug, auch ein Automobilmanager war, der z.B. bei Audi in grauer Vorzeit eine Rolle gespielt hat.

Carl H. Hahn (jun.) war kein Mann, der erst auf einen wirkte, nachdem man seine Position in der Gesellschaft kannte. Carl H. Hahn war eine Persönlichkeit! - Gebildet, souverän, mit klaren Vorstellungen von dem was er machte. Aber er stellte seine Erfolge nicht in den Vordergrund. Sie waren selbstverständlich. Weil sie von ihm richtig vorbereitet waren.

Ich erinnere mich gerne an ein zufälliges Gespräch anlässlich einer Golf-Vorstellung in München mit ihm. Nach der üblichen Pressekonferenz waren alle geladenen Journalisten nach draußen gestürmt. Ich stand ein wenig abseits, um ein wenig belustigt zu beobachten, wie jeder offenbar den schönsten, am besten ausgestatteten neuen Golf für ein erstes Fahrerlebnis ergattern wollte.

Für mich schwer erklärbar, da es sicherlich Testwagen genug gab und alle (!) wären sicherlich bestens ausgestattet. Ich habe noch niemals einen „nackten“ Testwagen - ohne kostenpflichtiges Zubehör – bei einer „ersten Vorstellung“ erlebt. „Nackte“ Automobile wurden (werden) doch nur wegen des – hoffentlich – attraktiven „Basis“-Preises angeboten.

Carl H. Hahn war unbemerkt neben mich getreten und fragte, ob ich mich denn nicht auch um einen Testwagen bemühen wolle. Ich antwortete, dass ich davon ausgehen würde, dass für mich schon noch einer übrig bleiben würde. - Und wir beide lächelten.
Da Dr. Hahn, der VW-Oberste, nun mal neben mir stand, habe ich mir erlaubt ihm ein paar Fragen zu stellen. Und er hat sie schnell, sehr exakt – aber auch offensichtlich überrascht – beantwortet. Denn er fragte mich anschließend:

„Warum haben Sie mir diese Fragen nicht schon auf der Pressekonferenz gestellt?“

Ich habe mit einer lustigen Erklärung geantwortet und wir haben dann unser Gespräch noch etwas vertieft.

Dr. Hahn machte mir deutlich, dass er gerne auf der Pressekonferenz mal den „Fach-Kollegen“ deutlich gemacht hätte, dass VW zwar ein großer Automobilhersteller, aber eigentlich darum auch - wie jedes andere „normale“ wirtschaftliches Unternehmen - von weltwirtschaftlichen Einflüssen bestimmt und nicht verschont wird. Er erklärte mir das an einem Beispiel:

„Manchmal verliert VW durch ein plötzlich irgendwo auftretendes Währungsgefälle sehr schnell mehr Geld, als wir durch die gesamte Automobil-Fertigung eines Tages verdienen können.“

Wenn ich mich recht erinnere, war damals gerade Mexico dafür ein Beispiel. - Wir kamen dann auch auf die Bedeutung des Golf für VW zu sprechen und ich habe gefragt, wann man denn mit dem nächsten neuen Golf-Modell rechnen könne. - Carl Hahn hat gelacht und gemeint, dass ich darauf doch wohl bei einer Vorstellung eines neuen Golf-Modells keine Antwort erwarten könne.

Mich hat das aber schon interessiert, weil ich gerne an so einem Beispiel erfahren hätte, ob man denn bei VW nun in Zukunft den bisherigen – deutschen - Modellwechsel-Zyklus z.B. dem japanischen (kürzeren) anpasst. - Und habe ihm eine Wette um einen Karton Champagner vorgeschlagen und dazu meine Vorstellung – auf der Basis der „japanischen Version“ – genannt. Er hat mir widersprochen, dann doch eine Zahl genannt und bevor wir die Wette dann mit Handschlag besiegelten noch – lächelnd – hinzugefügt:

„Für mich hat ein Karton Champagner aber 12 Flaschen!“

Das habe ich akzeptiert, obwohl ich bis dahin niemals einen Karton oder Kiste mit 12 Flaschen gesehen hatte.

Es hat dann den Vorstandsvorsitzenden der VW AG sicherlich überrascht, nach ein paar Jahren von mir zwei Karton á 6 Flaschen Rothschild-Champagner zu erhalten, denn er hat sich dann dafür bei mir mit einem Brief – auf weißem Büttenpapier mit Stahlstich-Druck – bedankt. - Denn ich hatte natürlich meine Wette verloren! Schließlich muss man als Vorstandsvorsitzender eines Automobilherstellers auch bei der Neuvorstellung eines Modells wissen, wann das Nachfolgemodell fertig sein muss! - Aber ich hatte so die Information, die mich interessierte!

Carl H. Hahn war – aus der Sicht „normaler“ Beobachter – ungewöhnlich. Er war nicht nur zufällig zunächst Assistent des Herrn Nordhoff. Auch der hat ihn als sehr gut empfunden und hätte es schön gefunden, wenn Carl H. Hahn seine Tochter zur Ehefrau genommen hätte. Carl H. Hahn hat – um es so zu formulieren – dankend abgelehnt. Das hat das Verhältnis zwischen Nordhoff und ihm nicht verbessert.

So kam Nordhoff dann auf die Idee, ihn aus seinem direkten Umfeld zu entfernen. Er schickte Carl H. Hahn in die USA. Da gab es viel zu erledigen. Hahn hat das auf seine Art getan und dort auch die Frau seines Lebens gefunden. Nachdem er dann schließlich – wieder in Deutschland -  bei Continental gelandet war, konnte es aus meiner Sicht eigentlich niemals mehr zu einer Verbindung VW/Hahn kommen. - Ich habe mich geirrt! - Sonst hätte ich Carl H. Hahn nicht viele Jahre später in München getroffen.

Carl H. Hahn ist nach meiner Einschätzung in seiner Art eine Firma – erfolgreich! - zu führen, immer mit dem Namen von Kuenheim in einem Atemzug zu nennen. Beide könnten einer Reihe von „modernen“ Firmenlenkern als Vorbild dienen. Aber man muss auch die menschliche und charakterliche Basis haben, um solchen Vorbildern nachzueifern.

Mir bleibt heute nur festzustellen: Ein Mensch, der ein bedeutendes Kapitel in der VW-Geschichte geschrieben hat, ist gestern gestorben! Dass er einen großen Teil seiner Arbeitszeit in den letzten Jahren seines Lebens in einem Kunstmuseum verbrachte, ist heute für einen Manager von gestern – wie er sicherlich oft in unserer Zeit empfunden wurde - eigentlich normal.

Normal ist auch, das jedes menschliche Leben irgendwann endet. - Ich hätte einem so positiven Menschen aber noch ein paar Lebensjahre mehr gewünscht!

Und habe über die Meldung seines Todes erschrocken, dann nachdenklich ein Glas Moselwein getrunken – und diese Geschichte geschrieben.

Ohne die übliche Aneinanderreihung von Leistungen, die man dann in der nächsten Woche auch anderswo in Nachrufen lesen kann.

Carl H. Hahn ist tot! - Nicht nur ein vorbildlicher Manager, sondern auch ein Mensch!

MK/Wilhelm Hahne
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