Ohne KI selber gedacht: Was ist mit Porsche 2020?

Als Journalist habe ich viele Chefs bei Porsche erlebt, vorher auch schon, als ich noch als Porsche-Verkäufer unterwegs war. Aus dieser Zeit resultiert auch eine besondere Beziehung zum Fabrikat, die mich aber niemals gehindert hat, die Situation, in der sich Porsche befand, auch kritisch zu sehen. Es gab sogar mal eine Zeit, in der Fachleute der Branche bei Porsche eine Insolvenz befürchteten. - Das ist lange her! - Noch länger reicht meine Erinnerung an die Porsche-Entwicklung zurück. - Das ist mir heute eingefallen, als mich eine Presse-Information aus dem Hause Porsche erreichte, worin die Stuttgarter ein „Wachstum auf hohem Niveau in den ersten sechs Monaten“ des Jahres 2019 vermelden. - Wenn man diese Zahlen unter Berücksichtigung der Entwicklung im Markt betrachtet, kann man schon nachdenklich werden. Porsche ist immer weniger ein Sportwagenhersteller, obwohl man das bestreiten wird. - Nachfolgend werde ich einmal versuchen zu erklären, warum ich die Situation von Porsche in der nächsten Zukunft – gerade als Sportwagenhersteller - nicht ganz so rosig sehe.

Ohne KI selber gedacht: Was ist mit Porsche 2020?

Heute vermeldet Porsche die Erfolge, die man in den ersten sechs Monaten dieses Jahres hatte. Ich habe dann noch einen Blick auf die Porsche-Verkaufserfolge des letzten Jahres geworfen und dabei festgestellt, dass man mehr und mehr dabei ist, auf die öffentliche Wahrnehmung als bedeutender deutscher Sportwagenhersteller zu verzichten.

Im vergangenen Jahr waren 61,5 Prozent der produzierten Automobile SUV‘s, „Dickschiffe“, die sich bestenfalls in der Porsche-Werbung sportlich geben. Da hilft auch nicht, wenn man jetzt den bei Käufern beliebten Modellen Macan – 2018 = 86.031 Stück – und Cayenne – 2018 71.458 Stück – ein weiteres „Dickschiff“ zur Seite stellt, das neue Cayenne Coupé. - Kann man so etwas überhaupt mit dem Prädikat „sportlich“ versehen? - Man muss nur an die Querdynamik solcher automobilen Ungetüme denken! - Mit dem Aufkleben einer Porsche-Markette setzt man nicht physikalische Gesetze außer Kraft!

In 2018  brachte man – damit Motor-KRITIK-Leser einen Vergleich haben – gerade mal 35.573 Porsche 911 unter‘s Volk - in aller Welt. Insgesamt, alle Modelle zusammen gezählt waren das in 2018 dann 256.300 Fahrzeuge. Damit ist man als „kleine Schwester“ im VW-Konzern wirklich eine „kleine Nummer“, wenn man die VW-Konzern-Gesamtauslieferungen - aller Marken und Modelle - im Jahre 2018 einmal zum Vergleich gegenüber stellt: 10.830.000 Fahrzeuge.

Es gibt einen kleinen Sportwagenhersteller in Amerika, der ausschließlich Sportwagen herstellt: Corvette. Er ist zwar die „kleine Tochter“ der US-Automobilgiganten GM, aber der achtet sehr darauf, dass die Corvette als Sportwagen eines Spezialisten empfunden wird. So ist der Name Corvette auch heute nicht mehr mit dem Namen Chevrolet verbunden. Corvette steht für sich und fertigt seine immer Aufsehen erregenden Sportwagen seit 1953 und hat gerade die 8. Generation vorgestellt. - Da ist die Traditon um ein Jahrzehnt älter als beim 911!

Ich war mal vor Jahrzehnten mit der 4. Generation in Kanada unterwegs und habe damals schon nicht verstanden, dass so ein Leckerbissen in Deutschland so wenig Freunde fand. Es war schon damals ein toller Sportwagen, der allerdings auf der Rennstrecke von seiner Bremsleistung nicht das hielt, was die technischen Daten versprachen. - Ich habe das damals auf dem Stadtkurs in Toronto feststellen müssen, wenn nach 10 schnellen Runden – keine 30 Kilometer – die Bremsen praktisch „ihren Geist aufgaben“.

In Deutschland machten sich Fachleute zu der Zeit lustig über die im Fahrwerk der C4 eingesetzten Querblattfedern. Heute machen sich junge Techniker z.B. auch über eine Starrachse lustig, die sie in der Praxis, vielleicht sogar „veredelt“ als De-Dion-Hinterachse, nie erlebt haben. Auch die Corvette hatte in grauer Vorzeit übrigens mal eine spur- und sturzkonstante Hinterachse.

Und bei Porsche gab es mal – das natürlich gegen Aufpreis – eine Querblattfeder. Das an der Hinterachse, wo sie als „Ausgleichsfeder“ die für ungeübte Fahrer schon „gefährliche“ Pendelachse des „Porsche Super 90“ kultivieren sollte.

Aber auch der Porsche 911 war von Anfang an, über viele, viele Jahre, ein in gewissen Situationen nur schwer zu beherrschendes Fahrzeug. Der Porsche 911 verlangte geradezu fahrschulmäßige Präzision beim Fahren. Ich erinnere mich, dass ich mal in Vallelunga am Abend eines Testtages mit dem Porsche 911 der einzige Fahrer war, der sich in der engen Eingangskurve ins Infield, eine 2. Gang-Kurve, nicht gedreht hatte. - Gerade bei Lastwechseln im kleineren Gang konnte der 911 „damals“ schon unwillig werden.

Aber zurück zur Corvette, die auch von den gefertigten Stückzahlen her als „Leckerbissen“ betrachtet werden muss. Es wurden z.B. in 2018 nur insgesamt 9.686 Fahrzeuge produziert, wovon 8.624 in den USA verblieben. Dort wurden sie auch immer zu „vernünftigeren“ Preisen als z.B. in Deutschland verkauft, was so manchen betuchten deutschen Interessenten dazu brachte, sich so eine Corvette dann in den USA zu kaufen.

Über die Bedeutung einer Corvette für das Porsche-Geschäft in den USA nachzudenken, kann man aus verschiedenen Gründen kommen. Detlev von Platen, Vorstand Vertrieb und Marketing bei Porsche, sagte Anfang 2018 mal auf einer US-Ausstellung, auf die Bedeutung des USA-Geschäfts des Stuttgarter Herstellers im Jahre 2017 bezogen:

„Letztlich steht kein anderes Modell so sinnbildlich für die amerikanische Liebesbeziehung zu Porsche wie der Elfer. Jeder dritte in Zuffenhausen gebaute Porsche 911 geht hierher in die USA.“

Da muss man dann die neue Corvette in ihrem Heimatland schon als Konkurrenz empfinden. Die hat gerade mit der Vorstellung der 8. Generation der Corvette Stingray – bei der Vorstellung dieses neuen Modells - zu einem Paukenschlag ausgeholt, der eigentlich in Stuttgart als Weckruf verstanden werden sollte.

Ich habe mal eine kleine Vergleichstabelle erstellt, die nur die wichtigsten Daten der Sportwagen-Konkurrenten in den USA gegenüber stellt:

Wenn Corvette seinen Sportwagen bisher in Deutschland verkaufte, so hat man sich ein wenig am Preisniveau der deutschen Hersteller orientiert und ausschließlich diesen Sportwagen in Top-Ausstattung zu Top-Preisen über den großén Teich geschickt. - Das fühlte sich Porsche dann immer noch überlegen, zumal man ein Image mitlieferte – gerade in sportlicher Hinsicht – an das die Amerikaner noch nicht heran reichen konnten.

Aber nun kommt mit der Corvette Stingray C8, nicht nur eine optische, sondern auch eine technische Delikatesse auf den Markt. Corvette baut nun einen Mittelmotor-Sportwagen, wie ihn sich Freunde solcher Fahrzeuge erträumen. - Und das zu einem „Traumpreis“!

Man hat in Stuttgart wohl nicht daran gedacht, dass man mal so krass an eine Aussage des Corvette-Chefkonstrukteurs, Dave Hill, aus 2005 erinnert werden würde, der damals die Ziele seiner Firma so umriss:

„Wir wollen keine Sammlerstücke bauen, wie es andere große Marken tun, wir wollen Sportwagen bauen, die sich jeder arbeitende Amerikaner leisten kann.“

Das ist jetzt geschehen. Bei der Vorstellung der neuen C8 in den USA wurde der Beginn der Produktion für Ende 2019, der Beginn der Auslieferung in den USA für Anfang 2020 und der Preis für das Basismodell der neuen Corvette Stingray C8 mit „unter 60.000 Dollar“ genannt.

Nun ist es sicherlich nicht damit getan, dass man in Stuttgart die eigenen Kalkulationsmethoden überdenkt – wozu aber besonders bei einigen Modellen schon Anlass bestehen würde – sondern man muss auf diesen Angriff aus den USA schnellstens technisch reagieren.    

  • Ein Porsche 911 als Mittelmotor-Sportwagen für die Straße ist lange überfällig!

Da trifft es sich gut, dass es bei Porsche nicht erst seit gestern – aber nun gerade wieder neu – den Porsche 911 RSR als Mittelmotor-Sportwagen für den Einsatz auf Rennstrecken gibt. Mit einem neuen 4,0l-Sechszylinder-Saugmotor. - Natürlich muss da für die Straßenversion schon einiges  deutlich anders werden, aber die Kunden können sicher sein, dass sie beim Kauf eines solchen sicherlich schon in naher Zukunft angebotenen Modells, dann eine im Motorsport erprobte Technik erhalten.

Ich persönlich wäre nicht überrascht, wenn Porsche schon auf der IAA in Frankfurt im September zumindest mit einer „Ausstellungsversion“ versuchen würde, die Stammkundschaft durch die Vorstellung der neuen C8 aus dem Hause Corvette nicht unruhig werden zu lassen.

Ein Porsche-Verkäufer blickt da aus anderem Grund zuversichtlich in die Zukunft:

„Wer seinen vierten Porsche 911 fährt, kauft auch den Fünften!“

Wenn das so ist, dann ist die neue Corvette Stingray C8 wohl mehr etwas für junge Leute!

Weil auch bezahlbar!

MK/Wilhelm Hahne
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