„Alte Schule“: Eine Schicksalsentscheidung bei BMW!

Nein, ich schaue nicht nicht jeden Beitrag bei „youtube“, der dort - jeden Donnerstag neu - unter dem Titel „Alte Schule – die goldene Ära des Automobils“ erscheint. Dem Journalisten Karsten Arndt ist damit ein großer Erfolg gelungen. Ihm „folgen“ inzwischen über 50.000 Abonnenten. Aber wichtiger: Die Entscheider und „Macher“ aus (Auto-)Industrie und Motorsport plaudern offen – manchmal auch etwas selbstverliebt – vor Kamera und Mikrofon des Hamburger Journalisten.

Für „junge“ Interessierte ein guter Einblick in „die Welt von gestern“. Obwohl dort scheinbar Klartext geredet wird, hört man nicht unbedingt alles. Selber auch denen „von gestern“ zuzurechnen und mit der Entwicklung „damals“ in großen Zügen – manchmal auch in Details - vertraut, interessiert mich diese „Informationsreihe“ durchaus. Da habe ich auch ab und an mal bei „youtube“ vorbei geschaut und zugehört. - Interessant!

Aber manches weiß ich eben aus eigenem Erleben – sagen wir mal – kompletter. Trotzdem schafft man sich als „junger Autofan“ mit dem Hineinhören in diese Serie durchaus eine Basis, die – vielleicht – auch das Verständnis für die Entwicklung der Automobilindustrie in der Jetztzeit schaffen kann.

In der „alten Zeit“ war nicht alles so „golden“, wie der Untertitel vorgibt, aber es war auch nicht alles so katastrophal wie in der Jetztzeit. Nicht nur die produzierten Stückzahlen waren kleiner, auch die Probleme. - Und: Es gibt immer weniger „Reitzle“!

Ich habe über die Jahrzehnte nur wenige wirklich bewundernswerte Führungskräfte in der deutschen Automobilindustrie kennen gelernt. Einer von ihnen ist Wolfgang Reitzle, der in einem aktuellen Beitrag der Podcast-Serie über sein Ende bei BMW erzählt. Erstaunlich offen und in einer Art, die ihn auch „damals“ bei seinen Entscheidungen auszeichnete: Kurz, knapp, fundiert!

Wie man richtig erfährt, wurde Reitzle den „Wünschen“ der Gewerkschaftler geopfert, denn eigentlich war er zu diesem Zeitpunkt – 5. Februar 1999 – dazu ausersehen, Vorstandsvorsitzender der BMW AG zu werden. Es hatte dazu entsprechende Vorgespräche gegeben, die von Prof. Reitzle in dem „youtube“-Beitrag auch erwähnt, aber nicht detailliert geschildert werden.

Ich habe in dieser Zeit – „damals“ – schon als Motor-Journalist gearbeitet und auch in dieser Sache recherchiert. Ich kann die aktuellen Aussagen von Prof. Reitzle darum auch bestätigen und ergänzen.

Tatsächlich verlief alles so, wie es Prof. Reitzle schildert. Und ein Mann, den man auch zu den wenigen „Kleinoden“ der deutschen Automobilindustrie zählen muss, Eberhard von Kuenheim, hatte im Vorfeld einen „kleinen Fehler“ (bewusst oder unbewusst?) gemacht. So kam es dann am 5. Februar 1999 zu einer Niederlage einer Großaktionärfamilie, was in dem erwähnten Video nicht so deutlich wird.

Eine Woche vorher hatten sich nämlich wichtige an der Entscheidung Beteiligte zu einem Vorgespräch in München getroffen. Dazu möchte ich aus „alten Geschichten“ von mir zitieren:

„Nach meinen Informationen (die nicht von Herrn Reitzle stammen!) gab es exakt an diesem 29. Januar 1999 ein Essen, bei dem die AR-Mitglieder Klatten und Quandt Herrn Reitzle "das Signal" gaben, das - wie Dr. Reitzle meint - "unmissverständlich war". Ort des Treffens (und Essens) war das im historischen Teil von München liegende Hotel "Rafael", dessen Spezialitäten-Restaurant "Mark's", im Mezzanin gelegen, solche Abstimmungsessen möglich macht, ohne Aufsehen zu erregen. Dort verkehrt nicht Herr und Frau Jedermann, auch nicht jene Schicht, die man gemeinhin als Schickeria bezeichnet.“
 

„Wenn das aber so war, sind auch die Reaktionen einer Susanne Klatten verständlich, die am Ende der Aufsichtsratssitzung vom 5. Februar den Tränen nahe war.“
 

„Das Ergebnis war also offensichtlich anders ausgefallen, als von der Quandt-Familie erwartet worden war. Und im aktuellen von Kuenheim-Interview gibt es Aussagen, die eigentlich - was die Einschätzung der Fähigkeiten eines Dr. Reitzle betrifft - nur eine Zusammenfassung zulassen: Reitzle wäre für die Position des Vorstandsvorsitzenden der Beste gewesen.“
 

„Als ich am Morgen des 5. Februar 1999 aufstand - wie immer um 5.30 Uhr - gab es für Norddeutschland eine Sturmflutwarnung. Und als ich dann um neun Uhr zum ersten Mal mit BMW in München telefonierte, da stürmte es auch um den "Vierzylinder". Alles rasselte, klapperte und schepperte. - Das schien mir fast bedeutungsvoll.“
 

Eberhard von Kuenheim sagt u.a. zu seiner Einschätzung der Fähigkeiten des Dr. Reitzle: "Dass Reitzle eines Tages Vorstandsmitglied werden könnte, war mir bewusst, als ich ihn zum ersten Mal traf. Er war 28 Jahre alt. Und er ist als jüngstes Vorstandsmitglied an die Spitze gerückt, mit 36 Jahren." - Als die Sprache auf Rover kommt, sagt von Kuenheim: "...ich bin nicht selbst darauf gekommen. ... Reitzle hat gesagt, wir sollten versuchen, Land Rover zu erwerben. Und wenn es sein muss auch noch die Kleinautos." - Das war 1987.“

In der Realität aber ein wenig anders. Die entsprechende Vorstandsvorlage müsste heute noch bei BMW zu finden sein.

In 2021 schreibt ein Automobil-Fan zu dem aktuellen Reitzle-Auftritt in „Alte Schule“:

„Bin total begeistert von diesem Interview mit Prof. Reitzle. Diese tolle Zeit bei BMW war nicht nur für Ihn prägend, sondern auch für mich. Entwicklung und Produktion war im Flow und auch wir im Vertrieb hatten einen wahnsinnigen Spaß und waren unglaublich erfolgreich. Beste Zeit bei BMW.“

Was mir auffiel: Prof. Reitzle hat nicht von seiner Zeit bei Ford gesprochen, nur seine Erfolge bei Linde erwähnt, wo er den Aktienwert der Firma tatsächlich vervielfachen konnte!

Bei Ford hatte er sich 10 Jahre gegeben, um die unterschiedlichen von ihm verantworteten Marken (in USA, England und Schweden) „auf Vordermann zu bringen“.

Er war Realist genug, um schon nach kürzerer Zeit zu erkennen, dass ihm das nicht gelingen würde! - Ein Reitzle „verplempert“ keine Zeit!

MK/Wilhelm Hahne

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