VLN 2018: Symptome erkennen allein genügt nicht!

Der 2. Lauf zur Langstreckenmeisterschaft am Nürburgring ist beendet. Natürlich werden alle Teams, alle Teilnehmer, der Veranstalter, die VLN-Organisation, der Streckenvermieter, der DMSB und auch die Fans das als eine „tolle Veranstaltung“ empfinden und auch entsprechend öffentlich bewerten. Tatsächlich hat sie gezeigt, dass auch ein DMSB-Nordschleifen-Permit nur ein Stück Plastik, die BoP eigentlich genauso ein Blödsinn ist, wie die Mindestboxenstandzeit. Auch die „moderne Technik“ unserer Automobile hat den Motorsport nicht verbessert, sondern nur – durch die deutlich gestiegenen Kosten – eine neue Art von Motorsport geschaffen, die primär vom Geld bestimmt ist. Für diese dadurch neu entstandene Gruppe von „Rennfahrern“ wurde dann auch z.B. die SP9 so gesplittet, dass auch für manche die Teilnahme an dieser Veranstaltung durch einen Pokal nachweisbar ist. Ein Team ohne „Pressearbeit“ (sprich: PR) und „Renntaxi“-Einsatz (zur Geldbeschaffung!) ist heute bei dieser neuen Art von „Basis-Motorsport“ fast nicht mehr darstellbar. Da stellen sich dann Teams als „Förderer des Sports“ dar, nur weil es ihnen gelingt, vom Talent ihrer Söhne überzeugte Väter zum Abschluss eines Vertrages zu bewegen, der ihnen den Betrieb eines Rennfahrzeuges erlaubt. Oder man ist auf einen engen Kontakt zu Herstellern angewiesen, die nicht nur Know-how und Werksfahrer, sondern auch Geld besteuern, weil sie Erfolge zur Unterstreichung der Marketingargumente von „fortschrittlicher Technologie“ brauchen. - Die man auch gerne – wenn es sonst nicht geht – mit betrügerischen Mitteln darstellt. Aber das wird in der heutigen Zeit dann als „besondere Cleverness“ empfunden. Man muss eben „mit der Zeit gehen“. - Und dann gibt es noch – fast vergessen - „die dritte Startgruppe“, wie es ein Motor-KRITIK-Leser mit Durchblick formulierte. - Aber:

VLN 2018: Symptome erkennen allein genügt nicht!

Beginnen wir doch einfach mal mit einem Satz aus der aktuellen Darstellung eines VLN-Fans im Internet, der dieser Art von Basis-Motorsport mit einem „Pflaster“ helfen möchte, das die „Wunden verdeckt“:

„Bei strahlendem Sonnenschein zeigten die 184 Teilnehmer den angereisten Fans an der Nordschleife und auf dem Grand-Prix Kurs Langstreckenrennen vom Feinsten.“

Das mit dem „strahlenden Sonnenschein“ stimmt. Aber schon die Teilnehmerzahl muss korrigiert werden: Es waren 179 Fahrzeuge am Start.

In Wertung angekommen sind 132, was einer rechnerischen Ausfallquote von etwas mehr als 26 Prozent entspricht. Aber darauf kann sich das „vom Feinsten“ sicherlich nicht bezogen haben.

Vielleicht bezieht sich das darauf, dass am Ende dieses Langstreckenrennens insgesamt 70 Basis-Pokale verteilt werden konnten, die man dann noch mit der Fahreranzahl je Fahrzeug, die einen Podestplatz einfuhren, multiplizieren muss. Das bedeutet – rein rechnerisch – nicht anderes, als dass bezogen auf die Teilnehmer-Fahrzeuge, jedes 1,89ste Teilnehmer-Fahrzeug, (mindestens) einen Pokal erhielt. Die Wertung erfolgte nämlich in 29 Klassen.

Zwar ist in der für 2018 gültigen Ausschreibung zu lesen:

„7.3.1 Klassenzusammenlegung
Wenn in einer ausgeschriebenen Klasse bei Nennungsschluss weniger als drei Fahrzeuge genannt sind, kann diese Klasse mit der/ den nächsthöheren Klasse(n) der gleichen Fahrzeug-Gruppe zusammengelegt werden. Eine Klassenzusammenlegung wird den Bewerbern/ Fahrern mit der Nennungsbestätigung bekannt gegeben.“

Tatsächlich waren aber z.B. in 8 (in Worten: Acht) dieser Klassen je ein Fahrzeug unterwegs. Nach einem „Langstreckenrennen vom Feinsten“ durften sich hier also 8 Klassensieger (ohne jede Konkurrenz!) feiern lassen.

Dass bei bestem Rennwetter an diesem Langstrecken-Renntag, in einem 4-Stunden-Rennen, nur 27 Runden vom Gesamtsieger zurückgelegt werden konnten, davon spricht niemand. Beim 1. VLN-Lauf – und nicht so gutem Wetter – waren es 28 Runden gewesen.

Dieser 2. Lauf war zwar ein so genanntes Langstreckenrennen, aber zu welcher Zeit konnte denn auf welchen Streckenabschnitten wirklich im Renntempo gefahren werden? - Von diesen „unwirklichen“ Rennsituationen spricht niemand! Die wirklich vielen Zuschauer haben davon – da  sie nur einen kleinen Ausschnitt der Strecke überblicken konnten – nichts mit bekommen.

Es spricht auch kaum jemand davon, wenn überforderte GT3-Fahrer solche aus der oben schon erwähnten „dritten Startgruppe“ von der Strecke fahren. Spricht man mit Fahrern, die die VLN schon seit vielen Jahren kennen, dann hört man immer öfter zu der derzeit am Nürburgring angetroffenen Situation den Satz:

„Das macht alles keinen Spaß mehr!“

Und „Spaß“ war früher mal das Motiv für die Motorsportler, die in der damaligen VLN die Mehrzahl bildeten, an dieser Art von Rennen überhaupt teilzunehmen. Da war es auch nicht so unnormal, dass man als Fahrer ein solches Rennen mal alleine fuhr. Bestenfalls zu zweit. Das aber oft nur, weil man sich so die Kosten teilen konnte.

Heute müssen sich in der GT3 dann schon mal vier Fahrer die Kosten teilen, weil das für weniger sonst unbezahlbar wäre. Und wenn dann – wie es auch beim 2. VLN-Lauf vorgekommen ist, einer in irgendeiner Klasse ein Rennen ganz alleine fährt – und dann auch noch gewinnt - dann wird der so gefeiert, als wäre das eine besondere Leistung.

Wer nicht zahlen muss, der kann es sich auch leisten ein Rennfahrzeug in einem 4h-Rennen alleine zu fahren. Das Zugfahrzeug, der diesen Renntourenwagen wahrscheinlich angeliefert hatte, stand abseits im Fahrerlager, um das Siegerfahrzeug wieder zurück ins Werk zurück zu bringen. - Oder hatte dieser WOB-Anhänger sonst nirgendwo einen Parkplatz gefunden?

Weil ich mal den Unterschied zwischen getarntem Werkseinsatz und „dritter Startgruppe“ optisch deutlich machen wollte, habe ich hier einmal die Innenausstattung der Box fotografiert, aus der dieses Mal der Gesamtsieger, ein BMW M6 GT3 kam. Aber ich habe auch die Reparatur eines Fahrzeugs aus der „dritten Startgruppe“ fotografiert, der nach einem Rausflug im Training, in der hintersten Ecke des dort als Parkplatz reservierten Fahrerlagers mit Hammer und normalem Werkzeug unter freiem Himmel repariert wurde. - Basis-Motorsport!

Dieses Fahrzeug war dann nach erfolgter Reparatur einer von vier Starter in der Klasse, von denen aber nur zwei das Ziel erreichten. Leider nicht unser Teilnehmer aus der Schweiz.

Aber auch die so genannte TOP-Klasse, die der GT3, hatte Ausfälle zu verzeichnen, die mit rd. 27 Prozent der Starter leicht über dem Durchschnitt insgesamt lag.

Es liegt übrigens nicht im „Diesel-Skandal“ begründet, dass es bei Langstreckenrennen am Nürburgring keine Diesel-Rennfahrzeuge mehr gibt. Der Streckenvermieter bietet in der Boxengasse keine Diesel-Tanksäulen mehr an. So gibt es dann – im Basis-Motorsport(!) – auch keinen Einsatz von Diesel-Renntourenwagen bei der VLN mehr. Auch nicht beim 24h-Stunden-Rennen. Tanksäulen für Diesel wurden am Nürburgring abgeschafft. - An Super-Plus wird bei dem derzeit geforderten Preis von 2.02,9 (also rd. 60 Cent über dem „Straßenpreis“!) an der Rennstrecke auch sicherlich besser verdient.

Alles in diesem Sport orientiert sich in erster Linie am Geld!

Auch ein VLN-Rennen könnte also eigentlich einer olympischen Disziplin zugerechnet werden.

Am kommenden Samstag steigt dann das Qualifikations-Rennen als Vorstufe zum 24h-Rennen. Immerhin gibt es dort bisher „nur“ 90 Nennungen. Das lässt dann für 2019 eine Änderung erwarten. Aber auch verständlich werden, warum man beim ADAC Nordrhein in Köln so großen Wert darauf legte, dass schon der 1. VLN-Lauf wegen „unsicherer Wetterverhältnisse“  möglichst weit vorher im Vorfeld abgesagt werden sollte. Dank dem selbst geschaffenen Reglement hätte man dann… -

Man war – und ist – um jede Nennung für das „Quali-Rennen“ verlegen!

Damit passiert dem ADAC in Köln aktuell derzeit schon das, womit man bei der VLN nach dem 24h-Stunden-Rennen nun auch verstärkt rechnen muss: Mit einem Starterschwund!

Es genügt eben nicht, Symptome irgendwann zu erkennen, man muss auch rechtzeitig in der richtigen Art reagieren. - Eben wie ein Dienstleister!

Nicht nur die deutschen Motorsport-“Behörden“ und ihre selbstgefälligen Funktionäre haben die Situation in der VLN falsch eingeschätzt. Auch die Nürburgring 1927 GmbH & Co. KG ist davon ausgegangen, dass man mit der VLN eine „Goldader“ anknabbern könnte.

Man hat vergessen, dass es im deutschen Automobilsport auch eine „dritte Startgruppe“ gibt!  

Geben muss!

MK/Wilhelm Hahne
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