Was machen – wenn ich Nürburgring-Käufer wäre?

In diesen Tagen habe ich aus dem Leserkreis von Motor-KRITIK nicht nur Fragen erhalten, die die Zukunft des Nürburgrings unter ihrem – derzeit – russischen Besitzer hinterfragen. Es wurde mir – nach der Preis-Erhöhung der „Touristenfahrer“-Tickets auch schon mitgeteilt, wie es nun am Nürburgring wahrscheinlich weiter gehen wird. Da wird z.T. ein lustiges Szenario in Aussicht gestellt. Zum Beispiel, dass die aus der Preiserhöhung resultierenden Mehreinnahmen nun zum Ausbau eines „Überwachungssystems“ auf der Nürburgring-Nordschleife verwendet wird. - Allen diesen mir gegenüber geäußerten Überlegungen entnehme ich, dass das Interesse an der Zukunft des Nürburgrings zwar sehr groß ist, aber die aktuellen Leser die Entwicklung hin zur aktuellen Situation nicht verfolgt haben. - Das heißt vielleicht auch: Sie haben nicht alles gelesen, was im  letzten Jahrzehnt in Motor-KRITIK über die Entwicklung am Nürburgring geschrieben wurde. - Sie können aber auch eine „neue Generation“ von Lesern sein, die die Entwicklung gar nicht mitbekommen hat. - Auch ich kann nicht wissen, was in Zukunft am – und mit dem – Nürburgring wirklich passiert. Ich kann hier nur schreiben, was ich tun würde – in Kenntnis aller Einflussgrößen (soweit sie mir bekannt wurden!):

Was machen – wenn ich Nürburgring-Käufer wäre?

Wenn ich – gedanklich – in die Rolle des aktuellen Nürburgring-Besitzers schlüpfen will, so muss ich eine Reihe von Voraussetzungen – die real bei mir vorhanden sind – zunächst gedanklich ändern:

  • Ich muss jung sein!
  • Ich muss über Millionen verfügen können!
  • Ich muss meine vorhandene Grundeinstellung zur Bedeutung des Geldes im Leben ändern.

Ich kann – leider – nicht meinen aktuellen Intelligenz-Koeffizienten dem des derzeitigen Nürburgring-Besitzers anpassen, kann auch nicht dessen Charaktereigenschaften nachempfinden. - Weil ich sie nicht kenne. Aber offensichtlich weiß ich mehr über – und von – ihm, als meine Journalisten-Kollegen wissen können, weil das Thema Nürburgring für die immer nur ein Randthema war. Ich habe mich hier in Motor-KRITIK – im Interesse meiner Leser! - schon intensiver mit den Geschehnissen an und um die Nordschleife auseinander gesetzt.

So habe ich mir schon „damals“ – 2015 eine Geschichte besorgt, die in der russischen Ausgabe des US-Magazins „Forbes“ in Moskau am 23. Januar 2015 erschienen ist. Der „Forbes“-Kolumnist, Pawel Sedakow, machte schon mit den ersten Sätzen zu dieser „Kharitonin“-Geschichte deutlich:

„Viktor Kharitonin mag den Motorsport nicht, will aber mit dem Kult Geld verdienen“

In dieser Geschichte, einem Interview, das der russische „Forbes“-Kolumuist führte, stellte der neue russische Besitzer des Nürburgrings fest:

„Der Nürburgring ist für mich kein teures Spielzeug, kein Traum, sondern ein ganz pragmatisches Investitions-Objekt, - Wenn Sie es sich leisten können, in Deutschland so etwas zu kaufen, warum nicht?“

Der Kauf des Nürburgrings durch den Russen war aber reiner Zufall:

Zufällig hatte der erste Käufer – bzw. dessen treibende Kraft – kein Geld. In „Forbes“ wirkt die Darstellung der Abläufe sehr dramatisch. Dort ist zu lesen:

„Im Frühjahr 2014 erhielt die Düsseldorf Capricorn Automotive 67 % am Kapital der NAG
GmbH des Unternehmers Robertino Wild und 33 % gingen an GetSpeed. Zusätzlich wurde aber auch der Kauf der Strecke, aber auch der der HIG-Investmentgesellschaft aus Miami beansprucht. Der Transaktionsbetrag betrug 77 € Millionen, weitere 25 Millionen Euro versprachen Investoren, in die Infrastruktur zu investieren. Firma Ernst & Young schätzte die Strecke auf 126 Millionen Euro Schulden, 400 Millionen Euro davon wurden auf das Land Rheinland-Pfalz von Investoren auf lokale Steuerzahler verlagert.
Ab dem 1. Januar 2015 wurden Capricorn und GetSpeed vollständige Eigentümer wenn sie bis zum 20. Dezember 2014 15 Millionen Euro in drei Tranchen zahlen konnten. Teilhaber GetSpeed hatte eine Anzahlung von 5 Millionen Euro geleistet, aber der CEO von Capricorn konnte das Geld für die 10-Millionen-Euro-Zahlung nicht aufbringen. Auch die Verzögerung von Juli auf Ende Oktober 2014 habe der Firma Robertino Wild nicht geholfen, er stand selbst kurz vor dem Bankrott.“

Sehr schön ist auch in „Forbes“ formuliert, wie gewisse Schulden des Landes verteilt wurden:

„Die Firma Ernst & Young schätzte die Strecke auf 126 Millionen Euro Schulden, 400 Millionen Euro hat das Land Rheinland-Pfalz davon von Investoren auf lokale Steuerzahler verlagert.“

Das alles klingt auch in der deutschen Übersetzung aus dem Russischen sehr gut, die – grob – von „Google“ erfolgte und von Motor-KRITIK nur leicht „gestreichelt werden musste“. Russisch ist eben eine harte, aber klare Sprache. - In „Forbes“ ist weiter informierend in russischer Sprache zu lesen, was sich dann für einen deutschen Leser übersetzt so liest:

„Im Oktober besuchte Kharitonin die Strecke zum ersten Mal, sein Besuch dauerte nicht länger als Stunden. „Ich habe nicht auf Autos geschaut, sondern auf Zahlen“, erinnert sich der Unternehmer. Die Tour wurde vom Kopf des Steinbocks geleitet. Wild bot Kharitonin an, mit ihm zusammen ein Konsortium zur Zahlung der Gebühr zu bilden.“

Viktor Kharitonin, hatte übrigens bei der „Mille Miglia“, an der er mit seinem inzwischen zum engen Vertrauten gewordenen Viktor Martin auf einem alten Mercedes teilnahm, von Mitarbeitern der deutschen Automobilindustrie erfahren, dass der Nürburgring nicht nur zum Verkauf gestanden hatte, sondern dass es da auch Schwierigkeiten gab.

Nach Gesprächen mit Robertino Wild hat sich dann der russische Industrielle entschlossen, den Kauf alleine vorzunehmen und sich mit der KPMG in Verbindung gesetzt, die auch den ersten Verkauf vorgenommen hatte. Damit nicht der Eindruck von einem „Zweitverkauf“ entstand, hat sich der russische Interessent dann darauf eingelassen, in bestehende Verträge einzusteigen. In „Forbes“ ist zu lesen:

„Gemäß den Bedingungen der Transaktion, die bereits von der Europäischen Kommission genehmigt wurde und bis Juli 2015 abgeschlossen sein wird, wenn niemand es vor Gericht bestreitet, erhielt Kharitonin von Capricorn einen Anteil von 67 % an dem Komplex, dazu gehören die Strecke, Tribünen, Logen, Hotels, Ausstellungs- und Konzerthalle, Karting, Restaurants, Kino. Weitere 33 % der Anteile verblieben bei GetSpeed.“

Um einen Sprung in die Gegenwart zu machen:

Der russische Industrielle hat inzwischen die Kaufsumme von 77 Millionen – so wurde Motor-KRITIK informiert – auf ein „Anderkonto“ einer Rechtsanwaltskanzlei in Frankfurt eingezahlt. Nach Auskunft der Grundbuchämter ist auch eine Besitzeintragung in die Grundbüchern erfolgt. Die Frage, ob dann auch die Grundsteuern für den Kauf inzwischen gezahlt wurde, konnte nicht geklärt werden.

Damit haben wir dann einen gewaltigen Schritt in die „Jetztzeit“ gemacht, die uns auch die Nähe der vielen interessanten Vermutungen bringt, die „draußen“, in Unkenntnis vieler – auch aktuellster Details – nicht beantwortet werden können.

  • Meine Vermutung, die ich hier in Motor-KRITIK aus Überzeugung niederschreibe ist, dass der russische Investor sich schon bald vom Nürburgring zurück ziehen wird!

Das ist eine Vermutung, die auch gestützt wird von Ereignissen, die inzwischen knapp 100 Jahre zurück liegen. Damals ist der Bau des Nürburgrings z.T. auch auf Grundstücken erfolgt, für die es „nur“ einen Erbpachtvertrag gibt. Und das zu den Bedingungen der 20er Jahre!

  • Spätestens nach 99 Jahren läuft so ein Erbpachtvertrag aus. Und nun sollten meine Leser einmal überlegen, wann so ein Vertrag abläuft?

Er müsste auch rechtzeitig verlängert werden, weil sonst bei Vertragsende auch die Bebauung an den Grundstücksbesitzer fällt, der allerdings dafür eine Entschädigung zahlen muss. Die wird im Fall der Streckenführung im Gebiet Nordschleife – weil nur ein Stück Asphalt – aber recht klein sein.

Aber einen neuen Erbbauvertrag abzuschließen wird teuer werden! - Zumal ein Kauf kaum in Frage kommen wird, da aus den einzelnen Erben inzwischen Erbengemeinschaften geworden sind, bei denen jedes einzelne Mitglied einem Verkauf zustimmen muss. Das Veto eines einzelnen Mitbesitzers in einer solchen Erbengruppe, würde schon einen Verkauf unmöglich machen!

Schon Dr. Kafitz hat in seiner Zeit als Geschäftsführer erleben müssen, welch – auch zeitlicher – Aufwand getrieben werden muss, um zu einem Kauf von einer Erbengemeinschaft zu kommen, die evtl. auch – inzwischen – über die ganze Welt verstreut lebt! - Dr. Kafitz wurde übrigens in diesen Wochen bei einem unaufgeregten Spaziergang durch den „Boulevard“ beobachtet.

Es steht auch steht immer noch – was den Verkauf des Nürburgrings nach einer Insolvenz (in Eigenverwaltung) einer Gesellschaft des Landes Rheinland-Pfalz betrifft –  die Umsetzung eines Entscheides des EuGH durch die EU-Kommission aus. Dieser oberste europäische Gerichtshof hatte festgestellt, dass wesentliche Voraussetzungen zum Verkauf des Nürburgring „damals“ nicht erfüllt wurden.

Bei Motor-KRITIK war schon vorher zu lesen, warum eine komplette Finanzierung zum Zeitpunkt des Verkaufs durch den ersten Käufer damals nicht nachgewiesen werden konnte. Das EuGH hat u.a. diese Feststellung bestätigt!

  • Das alles kann u.U. zur Nichtigkeit des existierenden Kaufvertrags führen!

So empfinde ich z.B. die aktuellen Preiserhöhungen durch den russischen Käufer des Nürburgrings, als ein „Fischen im Trüben“!

Ich wäre darum auch nicht überrascht, wenn der russische Industrielle – der es sich nach eigenen Angaben leisten kann in Deutschland zu kaufen – seine Angel nun auch nach anderen Projekten auswerfen würde. Wobei er mit der rheinland-pfälzischen Landesregierung als Vorbesitzer bei einer Insolvenz – aus welchen Gründen auch immer – besonders gute Erfahrungen gemacht zu haben scheint.

Aber 2023 wird der russische Käufer des Nürburgrings vielleicht noch durch kleine Aktionen die Nürburgring-Fans beunruhigen können.

  • Wie wäre es z.B. mit dem Bau eines festen Zauns – statt bisher „loser“ Gitter - im Bereich des Parkplatzes „Brünnchen“, um ein zuverlässiges Abkassieren der dortigen Besucher bei Veranstaltungen sicher zu stellen?

Ich verstehe auch nicht, warum man in der jetzigen Situation noch so krampfhaft einen Skandal im „Marshal-Bereich“ unter der Decke hält. - Versucht man so wenigstens noch über die Saison 2023 zu kommen?

Aber um noch mal kurz und knapp die mit dem Titel zu dieser Geschichte verbundene Frage zu beantwort, was ich – Wilhelm Hahne – in der derzeitigen Situation mit dem Nürburgring machen würde, wäre ich in der Situation eines Viktor Kharatonin:

  • Ich würde mich vom Nürburgring zurück ziehen. Und das in einer Form, dass die rheinland-pfälzische Landesregierung nicht NEIN sagen kann. Die EU ist dann zufrieden und der Insolvenz-Sachwalter kann dann bald die Insolvenz in Eigenverwaltung (!) abschließen, deren Abwicklung natürlich „unter erschwerten Bedingungen“ erfolgte. Da wäre dann ein 25prozentiger Aufschlag schon berechtigt!

Der Politik kann das egal sein. Die arbeitet eigentlich immer nur mit dem Geld der Steuerzahler! Hauptsache, sie hat sich der jeweils aktuellen Problemfälle entledigt und hat für eigene Fehlentscheidungen passende „Bauernopfer“ gefunden!

  • Eigentlich hat sie aber als entscheidende politische Kraft im Land aber auch eine Verantwortung für den Motorsport, zumindest mit seiner Sparte „Breitensport“!

Diese Sparte wurde zwar durch die VLN-/NLS-Führung „gegen die Wand gefahren“, aber gerade gestern haben sich die Beteiligten, wozu auch der russische Besitzer mit seinen Fiurmen zählt, auf einen neuen Kurs im rheinischen Monheim verständigt. - Auf einer „auperordentlichen“ Gesellschafterversammlung. - Darüber wird noch – im Detail - zu berichten sein.

Zunächst aber hier noch mal die Feststellung, das zumindest das Verhalten der Mitarbeiter des Nürburgrings nicht so recht in das Bild passt, das z.B. „Forbes“ zeichnete.

Eigentlich müsste sich der russische Besitzer des Nürburgrings – wenn ich ihn gedanklich richtig nachempfinde – schon bald vom Nürburgring zurück ziehen.

Aber vielleicht denke ich nicht „russisch genug“!

MK/Wilhelm Hahne
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