Mercedes: Es fehlt das Gefühl für Normalität!

Mercedes soll hier nur als Beispiel stehen, denn nach meinen Beobachtungen ist eigentlich in unserer Gesellschaft insgesamt das Gefühl für Normalität verloren gegangen. Ich würde da gerne den Resetknopf drücken: Alles zurück auf Null! - Aber natürlich kann meine Empfindung nicht Maßstab für Alle sein. - Nach meinem Empfinden hat die Normalität unserer Gesellschaft ein krankhaftes Niveau erreicht, in der nur noch eine Schock-Therapie hilft. - Mir ist das in letzter Zeit an vielen Beispielen klar geworden, nicht nur auf dem Gebiet, auf dem ich als Journalist arbeite. Als normaler Bürger nehme ich an allen Ereignissen in unserer Gesellschaft Anteil, beobachte auch politische Entwicklungen. Manches trägt da geradezu hysterische Züge. Die Mehrheit hechelt Trends hinterher, möchte nicht abseits stehen, immer das Richtige sagen und tun. Dazu gehören natürlich auch Firmen, wo leitende Mitarbeiter fast verkrampft bemüht sind, „ihre Firma“ ins richtige Licht zu rücken. Wenn es denn sein muss: Mit verlogenen Aktionen! - Mir ist das Beispiel Mercedes so nah, weil ich gerade am letzten Sonntag das wohl letzte Formel 1-Rennen – für Jahre – in Hockenheim am Fernseher beobachtet habe, zu dem mich dann noch ergänzende Informationen nach dem Rennen erreichten. - Manche Leser werden erstaunt sein, weil ich doch über die Formel 1 auf meinen Seiten schon lange nicht mehr informiere. - Richtig! - Das bedeutet aber nicht, dass ich deren Entwicklung nicht weiter beobachte, um nicht schließlich eine Meinung von dieser Sparte zu haben, die „von gestern“ ist. - Insgesamt bin ich dabei zu der Auffassung gekommen, dass gerade Mercedes ein gutes Beispiel dafür ist, mal mit dem Finger auf abnorme Entwicklungen bei dieser Firma und damit auch auf die gesamthaft kranke Entwicklung in unserer Gesellschaft hinzuweisen. - Nun als Beispiel.

Mercedes: Es fehlt das Gefühl für Normalität!

In Hockenheim kam Charles Leclerc (21) von der Strecke ab, sein Ferrari (SF90) wühlte sinn- und wirkungslos mit den Hinterrädern im Kies und eine schwarze Tafel („125 Jahre Mercedes Motorsport“) senkte sich wie ein Vorhang über diese letzte Szene mit Darstellern, von denen der Mensch ein Stück Zukunft, die Maschine ein bedeutendes Stück Formel 1-Tradition verkörpert.

Und über allem „schwebt“ dann „125 Jahre Mercedes-Motorsport“. - In Hockenheim 2019.

Das war eine überraschende Situation, ähnlich wie damals 1988, als Mercedes nach einer langen Pause, in den Motorsport auf „Anweisung“ eines Werner Niefer zurück fand, eine Idee, die damals ein leitender Mercedes-Mitarbeiter, der niemals seinem Chef widersprochen hätte, dann auch „bockstark“ fand.

Niemand hat damals widersprochen. Widerspruch wurde auch nicht geduldet. So hat wohl auch aktuell niemand widersprochen, wenn irgendein Besserwisser in Stuttgart die Idee zu „125 Jahre Mercedes-Motorsport“ hatte. - Aber niemand hat das wohl aktuell „bockstark“ gefunden, sondern – der Zeitströmung folgend wahrscheinlich dann „supergeil“!

Wenn man sich zu erinnern versucht, erinnert man sich schon an eine Lücke im Mercedes-Motorsport, obwohl… -

Nach 1955, als man sich nach dem Unfall in Le Mans – aber auch, weil es so geplant war – aus dem Motorsport zurück gezogen hatte, war man z.B. dann im Rallysport – aber nur „mit halbem Herzen“ - unterwegs. Die so genannten Mercedes-“Werksfahrer“ jener Zeit hatten Verträge mit der britischen BP, weil Mercedes so mit dem Finger „über den Kanal zeigen“ konnte, sollte mal Kritik an der Geldverschwendung für den Motorsport – oder andere Vorwürfe – gegen die Stuttgarter laut werden.

Natürlich hätte man immer darauf verweisen können, dass man bei den großen Rallyes oder den noch stärker das Material beanspruchenden großen Straßenrennen, wie in Argentinien, die Serienfahrzeuge – damals 220 SE – praktisch Materialerprobung im Interesse der Käufer von Mercedes-Serien-Automobilen betrieben hat.

Das ist dann 1962 auch z.B. bei dem Straßenrennen in Argentinien geschehen, als der Start-Nummer 719 eine Ziege vor den Wagen lief, die Lenkung blockierte und bei einem Aufprall dann der Sicherheitsgurt des „Werks“-Fahrers Hermann Kühne riss. - Er wurde heraus geschleudert, war sofort tot! - Sein Beifahrer, Manfred Schiek, mit einem Sicherheitsgurt der gleichen Marke gesichert, blieb unverletzt. (Fabrikat/Marke der Redaktion bekannt!)

Die Erinnerung eines (alten) Journalisten macht deutlich, dass man das mit den „125 Jahren Mercedes Motorsport“ nicht so ganz ernst nehmen sollte. Rechnet man zurück, dann hätte dieser „Mercedes-Motorsport“ im Jahre 1894 beginnen müssen. - Und es gab immer wieder Lücken. Selbst das, was heute von Mercedes als Start in den Motorsport empfunden wurde, verlief nicht so, wie sich das vielleicht Besucher der „125 Jahre Mercedes-Motorsport“-Veranstaltung in Hockenheim vorstellen, weil es ihnen so dargestellt wurde. Nur dank eines siebenstelligen Sponsorengeldes von Mercedes war diese F1-Veranstaltung überhaupt möglich geworden. Und als Hauptsponsor galt es für Mercedes diese F1-Tage zu nutzen!

Da trug dann selbst ein „Toto“ Wolff Hosenträger, um an die Neubauer-Zeit zu erinnern. Das war mal – vor langer, langer Zeit - ein erfolgreicher Mercedes-Rennleiter. Wenn man das damals schon aus dieser Richtung – die eigentlich erst in der „Neuzeit“ Bedeutung erhielt – beurteilt hätte, dann hätte man Alfred Neubauer als einen guten Marketingmann empfunden. Seine Aussagen wirkten immer „markig“, enthielten aber auch viel „Luft“.

Ich glaube das beurteilen zu können, weil ich nicht nur zu dieser Zeit schon am Motorsport interessiert war, sondern weil ich auch mit Alfred Neubauer gesprochen, ihn persönlich erlebt habe.  

Aber schauen wir mal auf das Anfangsjahr des Mercedes-Motorsports, dass sich aus der 125 Jahre Motorsport-Idee ergibt:

Da waren übrigens 1894 keine Mercedes am Start, aber vor Ort waren Gottlieb Daimler und sein Sohn Paul, die registrieren mussten, dass ein Dampfwagen der Schnellste war, aber danach gleich vier Fahrzeuge mit einem Benzinmotor die nächsten Plätze belegten, der auf der Basis von Daimler- Konstruktionszeichnungen entstanden war. - Das wird heute als Mercedes-Einstieg empfunden.

Man sollte vielleicht auch alles nicht so genau nehmen, wenn es mehr darum geht, den Einsatz von Millionen für eine einzige aktuelle Veranstaltung zu rechtfertigen.

Motor-KRITIK möchte daran erinnern, dass es mal – trotz „125 Jahre Motorsport“ – in den 70er Jahren bei Mercedes eine Anzeigenkampagne gab, in der die Schlagzeile lautete:

„Mercedes fährt keine Rennen, aber die meisten Rennfahrer fahren Mercedes“.

Mercedes erklärte dann im Lauftext, dass Mercedes zur Erprobung seiner Serienfahrzeuge keine Rennstrecken benötigt, sondern dass die Mercedes-Ingenieure mit ihren hochtechnischen Geräten in den eigenen Versuchslabors das alles viel besser können würden.

Heute – ganz aktuell – sagt Markus Schäfer, Vorstandsmitglied der Daimler AG, verantwortlich für die Konzernforschung und die „Mercedes Cars“-Entwicklung hingegen:

„Die Synergien, die wir durch unsere Erfahrungen in dem faszinierenden Feld der Formel 1 nutzen können, sind extrem wertvoll und inspirierend.“

Wie hätten Sie‘s denn gerne?

Und das in einem Jahr, da man gerade alleine in Hockenheim mal wieder Millionen in den F1-Sport  versenkt hat und wo eine Gewinnwarnung des Stuttgarter Konzerns die nächste jagt. Da sollte man auch nicht erstaunt sein, wenn der neue Vorstandsvorsitzende, Ola Källenius, vor Journalisten auf der dort stattgefundenen Pressekonferenz einige kritische Fragen nicht beantwortete, sondern – ausweichend – etwa sagte:

„Ich will hier nichts Halbgares zum Besten geben. Warten Sie noch bis Oktober.“

Es muss eben heute alles wie von den Beratern geplant verlaufen. Ein Vorstandsvorsitzender von Mercedes muss auch keine Persönlichkeit mehr sein, der die Marke verkörpert, sie darstellt. Auch er muss einfach nur funktionieren. - Und wie er zu funktionieren hat, sich idealer Weise im eigenen Interesse verhält, dass ist ihm längst vorgegeben, vorgezeichnet.

Natürlich soll er sich profilieren dürfen. Da kann er dann so kraftvolle Entscheidungen treffen, dass zunächst mal alle Poller schwarz gestrichen werden und dass das Mercedes-Service-Personal nun Schwarz zu tragen hat.

Da kann der Vertriebsvorstand nicht zurück stehen und lässt verlauten, dass man in Jahren einen größeren Teil des Pkw-Verkaufs übers Internet abwickeln will. Immerhin hat man der ersten Schritt schon in diese Richtung getan: Es gibt keine Prospekte mehr. Die Kunden sollen das Fahrzeug ihrer Träume im Internet konfigurieren. - Was für junge Leute vielleicht eine Selbstverständlichkeit ist, verschreckt ältere Mercedes-Interessenten sicherlich, wenn sie dann nach dem Einschalten des Computers auf eine Zeile stoßen, in der es heißt:

„Verändern Sie bitte Ihre Filtereinstellungen oder setzen Sie Ihre Filter zurück.“

Aber bei Mercedes möchte man eben „näher am Kunden sein“. - Sagt man! - Und ich denke: Hat man darum gerade -zig Werksniederlassungen verkauft?

Die Kommunikationsabteilung wurde auch deutlich ausgebaut. Man bedient Presse, Funk und Fernsehen inzwischen mit mehreren hundert Mitarbeiten. Aber darum ist der Kontakt nicht wirklich besser, intensiver geworden. - Vielleicht für Influencer, die übrigens dem Marketing zugeordnet sind, aber in der Firma „vernetzt“ genutzt werden. - Gegen eine kleine Schutzgebühr!

Natürlich sollte man berücksichtigen, dass Mercedes früher mal ein kleiner, feiner Premium-Hersteller war, der vor 40 Jahren etwas mehr als 400.000 Personenwagen p.a. herstellte und dass wir heute doch in einer anderen Zeit leben. Ich erinnere mich noch, dass mich Prof. Niefer, der damalige Mercedes-Chef zu dieser Zeit mal fragte, ob man, wenn man jetzt die 500.000er Marke in der Produktion überschreiten würde, wohl noch die Klassifizierung „Premium“ für sich in Anspruch nehmen könne.

Inzwischen fertigt man über 2 Millionen Personenwagen, spricht immer noch von Premium, aber muss dann schon mal 700.000 Fahrzeuge zurückrufen. Das Marketing spricht dann gerne von „Kundenbindungs-Aktionen“. - Heute ist eben normal, dass eigentlich nichts mehr normal ist!

Wir erleben heute eine Normalität, die nur für die normal ist, die sich auf ein Niveau gehoben haben, das sie von der Realität entfernt hat. - Realität ist z.B.:

Wenn man einmal auf die Parkplätze für Betriebsangehörige bei Mercedes blickt, dann kann man feststellen, dass sich tatsächlich bei Mercedes in den letzten Jahrzehnten einiges getan hat. Man kann  es auch am Rückgang der Verkäufe an Betriebsangehörige – trotz hohem Personalrabatt – feststellen, denn auf den Firmenparkplätzen sind heute meist „Fremdfabrikate“ geparkt. - Warum wohl?

Man lebt in einer eigenen Welt, nimmt den „Rest“ nicht so recht ernst und wundert sich, wenn die Ergebnisse sich verschlechtern. Wobei die aktuellen Gewinnwarnungen nicht auf den Leistungen des neuen Vorstandsvorsitzenden beruhen, sondern der muss – im eigenen Interesse – nun erst mal die „Leistungen“ seines Vorgängers noch schnell in die aktuelle Zahlenlandschaft verpacken, damit es dann – unter seiner Leitung – im nächsten Jahr nur noch Erfolge zu vermelden gibt.

Dabei kommt ihm eine Entscheidung von Dieter Zetsche zugute, die der mit seinem „Kumpel“ und Aufsichtsratvorsitzenden, Manfred Bischoff, getroffen hat. Die Firma soll gesplittet, in drei selbstständige Profitcenter geteilt werden: Pkw, Lkw, Sonstiges. - Die Vorbereitungen dazu wurden unter Zetsche vor gut zwei Jahren eingeleitet, aber von ihm – was schwer verständlich ist – nicht abgeschlossen, auch weil er früher, als eigentlich vertraglich vereinbart ausschied.

Nun ist es nicht ganz einfach, einen solchen Firmen-Koloss zu teilen. Darum arbeiten an der Vorbereitung der Trennung auch drei nicht unbekannte Unternehmensberatungsfirmen, die nach meinen Informationen für ihre Tätigkeit in dieser Sache bisher den Stuttgartern schon Rechnungen in einer Größenordnung von insgesamt 1 Milliarde Euro präsentiert und kassiert haben.

Die Ernte aus dieser Arbeit wird der „Neue“, Ola Källenius, einfahren, da danach keine Statistik mehr mit einer alten vergleichbar ist. Und was die Bilanzen angeht, so wird in diesem Jahr noch alles in der 2019er untergebracht, um den „Neuen“ dann in 2020 gut aussehen zu lassen.

Man sollte auch nicht übersehen, dass die Daimler AG zwar immer noch als deutscher Automobilkonzern empfunden wird, aber sich inzwischen längst zu 68 Prozent in der Hand ausländischer Investoren befindet.

Eine solche Firma wird natürlich auch aufmerksam von den so genannten Analysten beäugt, die in diesem Fall z.B. die Marke Mercedes mit „Gut“ bewerten, aber dem bisherigen Management die Note „Ungenügend“ geben.

Nein, Dieter Zetsche war kein Segen für die Stuttgarter, aber er war immer ein guter Verkäufer seiner Selbst. Kritische Mitarbeiter, Insider, sind sogar der Meinung, dass er sich, zusammen mit seinem Aufsichtsratvorsitzenden, „die Firma zur Beute gemacht“ hatte. Das kann man als Außenstehender natürlich schlecht beurteilen. Aber klar ist: Er war in seiner jeweiligen Funktion immer ein guter Schauspieler. - Auf dem Weg nach oben.

So, wie man jetzt Ola Källenius für seine neue Position vorbereitet hat. Man hat ihm dabei klar gemacht:

  • Das Produkt steht in Zukunft immer im Vordergrund, nicht der Mensch!

Darum verhält er sich auch entsprechend, wie das Beispiel Hockenheim zeigt. Die „Welt AG“ war gestern, der „integrierte Technologie-Konzern“ vorgestern. Morgen hat der „Neue“ einen Gemischtwarenladen - dreigeteilt - zu führen und ihn entsprechend den Ansprüchen der Öffentlichkeit – und den jeweiligen Trends – nach draußen darzustellen. - Premium natürlich!

Darum hat er auch scheinbar unbeeindruckt die durchs Wetter beeinflusste Negativ-Entwicklung des F1-Rennens in Hockenheim hingenommen. - Es gab für einen solchen Fall wohl keine vorbereitete interne Sprachregelung. - Er hat andere Sorgen.

Im Moment gilt es die E-Mobilität in den Vordergrund zu stellen. Und weil der Käufer SUV‘s will, auch in einem Spreizschritt den E-SUV als wichtig und richtig darzustellen. Wenn es denn sein muss, mit einem 870 Kilogramm schweren Akku. Das ist so schwer wie ein kompletter Kleinwagen. Die Masse muss auch immer beschleunigt und abgebremst werden und ist eigentlich – weil doch damit mehrheitlich meist nur eine Person befördert wird – unsinnig.

Das ist eigentlich das derzeit Sinnige an Mercedes, dass aktuell alles unsinnig Betriebene, der Öffentlichkeit als sinnig verkauft werden muss.

Und wenn es „125 Jahre Mercedes-Motorsport“ sind!

Irgendetwas ist da schon dran. Und wenn man es immer wieder wiederholt, wird es auch geglaubt.

  • Wer wird schon Mercedes nicht glauben? - Wo doch alles Premium ist!

Normal ist das längst alles nicht mehr! - Aber das ist vielleicht nicht nur ein Mercedes-, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Es ist das Gefühl für natürliche Grenzen verloren gegangen! - Was ist heute noch normal?

Noch nicht einmal mehr der Motorsport!

MK/Wilhelm Hahne
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