Nürburgring: Eine Ganzjahres-Destination?

Kenner haben gelächelt, wenn Mainzer Politiker - aber auch ein Nürburgring-Geschäftsführer - diesen Begriff in Verbindung mit dem Nürburgring in den Mund nahmen. Und es wurde geradezu vollmundig damit gearbeitet. „Ganzjahres-Destination“ war geradezu das Ziel, das man mit überflüssigen und überteuerten Bauvorhaben in der Hoch-Eifel zu erreichen suchte. (Neben dem Argument von „Arbeitsplätze schaffen“.) Aber man hatte noch nicht einmal Meteorologen befragt. „Ganzjahres-Destination“ war so eine Worthülse, wie heute der Spruch von einem „transparenten, offenen und bedingungsfreien Bietverfahren“, der immer wieder gerne verwendet wird. Bleibt man einmal bei dem Begriff „Ganzjahres-Destination“, so muss man eine Klage erinnern, mit dem die aktuelle Betreibergesellschaft am Nürburgring (quasi eine „Landesgesellschaft“) gerade einen Porsche-Club verklagt, der für „erlittene Nebelstunden“ bei einer Nürburgring-Streckenmiete im Juni (!) nicht zahlen möchte. - Das zählt für für die NBG (Nürburgring Betriebsgesellschaft mbH), ein Ableger der insolventen Nürburgring GmbH, zu den „wetterbedingten Risiken“. - Und bittet zur Kasse.

Nürburgring: Eine Ganzjahres-Destination?

Eigentlich müsste man schon mit der Anzahl von Rennausfällen und Rennabbrüchen in dieser Saison beweisen können, dass die Rennstrecke in der Eifel als Rennstrecke wegen der immer wieder erlebten Wetter-Risiken einen zweifelhaften Ruf hat. Das betrifft nicht etwa nur die längste Rennstrecke der Welt, die Nordschleife, sondern auch den erst 1984 eröffneten Grand-Prix-Kurs, der eigentlich die hauptsächlich für Rundstreckenrennen in der Eifel genutzte Rennstrecke ist. Sie ist eben auch – im Gegensatz zur Nordschleife – Formel 1-geeignet.

Die Nordschleife ist aber der Kurs, der das Image des Nürburgrings als „Grüne Hölle“ begründet hat, der jenes Image schuf, von dem heute auch der so genannte Grand-Prix-Kurs profitiert. Auf dem auch die Profis fahren müssen, während die Amateure gerne Amateure sind, weil sie sich – wie die Touristenfahrer – eben auf der Nordschleife vergnügen können.

Aber die Touristenfahrer sollen ab 2014 mehr und mehr hinüber zum Grand-Prix-Kurs gelockt werden. Leider beinhaltet das Fahren dort keinen Spaß-Faktor, aber hohen Verschleiß bei Bremsen und Reifen, der nicht in Relation zum Fahrerlebnis steht. Serien-Automobile, gleich welcher Marke, lassen auf dem Grand-Prix-Kurs nur eine Eigenschaft besonders deutlich werden: Untersteuern, Untersteuern, Untersteuern.

Darum nutzt die Industrie auch zur Dauererprobung primär die Nordschleife. Sie ist lang genug, um nicht eintönig zu wirken, hat den Charakter einer Landstraße und lässt aufgrund ihrer Einbahnstraßen-Eigenschaft Belastungen zu, die um ein zehnfaches größer sind als im normalen Straßenverkehr. Außerdem haben Marketing-Abteilungen den verkaufsfördenden Wert von schnellen Nürburgring-Runden entdeckt, oft als „Rundenrekord“ für eine bestimmte Kategorie verkauft.

Dafür ist dann z.B. Nissan auf der diesjährigen Tokyo Motor-Show (23. Nov. - 1. Dez.) ein Beispiel, wo man mit einer schnellen Nürburgring-Runde für den Nissan GT-R werben wird. Setzt man in diesem Fall den Fahrzeugpreis dazu in Relation, ist dieser Nissan tatsächlich „Weltspitze“.

Nicht nur die japanischen Automobilhersteller haben sich so zu Nürburgring-Fans entwickelt, sondern auch deutsche Firmen nutzen den „Glanz“, der von der Nürburgring-Nordschleife ausgeht. Porsche zum Beispiel, für den neuen 918. Eine schnelle Nordschleifenzeit ist für einen Sportwagen geradezu ein Qualitätsmerkmal.

Darum wird auch Porsche in nächster Zukunft sicherlich nicht auf Nürburgring-Testfahrten verzichten. Aber sie werden weniger werden. Wie auch bei anderen deutschen Herstellern. Der Nürburgring ist zu teuer geworden. Das ist nicht unbedingt rein auf die Streckenmiete bezogen, sondern unter Einbeziehung aller „Nebenkosten“. - Da müssen Testfahrer mit einem Automobil einen Tag für die An- oder Abfahrt rechnen. Da wird aus einer Fünftage-Woche dann schnell eine Dreieinhalb-Tage-Testwoche.

Setzt man die Testfahrer morgens irgendwo ins Flugzeug, ganz gleich ob in Hannover, Stuttgart oder München, dann sitzen die schon mittags hinter dem Steuer am Testfahrzeug, ganz gleich ob das z.B. in Nardo oder Barcelona ist. Und man ist dann in echten Testcentern unterwegs, die alle Einrichtungen aufweisen, die eine Testabteilung braucht. - Die fehlen am Nürburgring. Man hat sie nicht verschlafen, man hat die Ansprüche der Industrie nicht registriert, weiß nichts davon, weil z.B. Nürburgring-Geschäftsführer in der Vergangenheit immer „branchenfremd“ waren. - Und Politiker haben sowieso von dem Geschäft keine Ahnung. - Aber es gibt ein „Eifel-Stadl“. (Jetzt auch ohne Schimmel?)

So darf man sich auch dann nicht wundern, wenn das Geschäft mit der Automobilindustrie in den nächsten Jahren weiter abnehmen wird. Nicht weil die Testtätigkeit insgesamt abnehmen wird, sondern weil sie sich auf „richtige Teststrecken“ verlagert.

Porsche, inzwischen eine „Tochter“ im VW-Konzern, hat z.B. die Teststrecke im italienischen Nardo gekauft. Nein, natürlich will man nicht den Nürburgring verlassen. Man benutzt ihn schon als Aushängeschild. Aber richtig testen... -

Porsche-O-Ton:

„Zu Nardo können wir zunächst generell sagen, dass unsere Aktivitäten dort im ersten Schritt unabhängig von einer Entwicklung auf dem Nürburgring war. Wir haben natürlich die Gesamtentwicklung zum Ring in den letzten Jahren aufmerksam und mit großem Interesse verfolgt, immerhin sind wir sicherlich einer der Betroffenen, wenn wir unsere Referenzentwicklung dort anschauen.

Die Möglichkeiten mit Nardo haben sich über einen längeren Zeitraum abgezeichnet, das Gelände bietet für Porsche eine ideale Ausgangsplattform um zum einen eigene Entwicklungen dort zu erproben, zum anderen aber auch dem Wettbewerb nachhaltig ein Gelände zu offerieren, welches sehr gute Bedingungen für eine ganzjährige Erprobung bietet. Wie Sie sicher wissen, nutzen wir das Gelände nicht für Porsche exklusiv, wir haben vielmehr über unsere Kundenentwicklung, die Porsche Engineering, die Möglichkeit, das Testgelände wettbewerbsneutral zu offerieren. Die Möglichkeiten vor Ort sind mit dem Nürburgring nicht vergleichbar, es gibt in Nardo neben Handling und Hochgeschwindigkeitsstrecken eine Vielzahl von anderen Strecken, die alle Erprobungsschwerpunkte ob für Motorrad, PKW oder Nutzfahrzeuge abdecken. Damit ist dieses Test- und Erprobungsgelände nicht mit dem Nürburgring vergleichbar.

Die Anreise der Kollegen erfolgt über übliche Verkehrsmittel, in der Regel mit dem Flugzeug, dazu gibt es vielfältige Anflugmöglichkeiten nach Brindisi oder Bari.“

Porsche habe ich hier so viel Platz eingeräumt, weil mit dieser Aussage deutlich wird, wie die Entwicklung als „Testcenter“ für den Nürburgring in den nächsten Jahren verlaufen wird. Auch deshalb, weil das eben keine „Ganzjahres-Destination“ ist.

Lassen wir also den derzeitigen Nürburgring-Geschäftsführer – so lange er es noch ist – seinen Rechtsstreit mit einem Porsche-Club wegen ein paar „Nebelstunden“ im Juni führen. Der Verhandlungstermin wird im März 2014 sein. Es ist sicherlich kein „verkaufsfördernder Prozess“.

Kann sein, dass die Nordschleife dann noch unter einer Schneedecke liegt, während man anderswo dann schon Runde um Runde beim Testen dreht.

MK/Wilhelm Hahne
Durchschnitt: 4.8 (bei 28 Bewertungen)

Kategorie: 

Abo-Hinweis

Lieber Leser,

wie vor Jahren versprochen, sind alle Geschichten zum Thema Nürburgring im Internet frei zugänglich. Andere Themen sind kostenpflichtig. 
Betrachten Sie aber ein Abo auch als eine grundsätzliche Unterstützung der aufwändigen Recherchearbeit von Motor-KRITIK. Denn – das fällt hoffentlich auf – Motor-KRITIK ist vollkommen werbefrei und damit eigentlich nur von denen abhängig, die den investigativen und unabhängigen Journalismus schätzen: Von Ihnen, liebe Abonnenten!

Wie einfach Sie zu einem Premium-Leser werden können, erfahren Sie HIER.